06.10.2026, 13:35
Nachdem Lexington schwieg, saß auch Syrena eine Weile da und ließ ihre Gedanken endlich etwas länger zu. Ihr Auftrag für Wolfram & Hart hatte lediglich darin bestanden, Ashcroft zu beobachten. Jetzt saß sie angeschossen im Loft eines verhassten Mannes und plante die Zukunft eines Mädchens, das sich an sie klammerte, als gehörten sie zusammen. Wie sollte sie Maisies Eltern begegnen, falls diese tatsächlich nichts von der Bedrohung wussten? Würden sie ihr glauben, Maisie sofort zurückfordern? Und falls sie selbst am Handel beteiligt waren, würde Syrena sicher kein freundliches Gespräch führen, doch wie sehr würde es ihr dann gelingen, sich zurückzunehmen? Ihnen nicht das Genick zu brechen? Dazu kam Dhakiya. Sie verlangte ihrer Mentorin nicht bloß Unterkunft ab, sondern Verantwortung für ein verfolgtes Kind und die Förderung ihrer Magie. Stimmte Dhakiya zu, würde Syrena tief in ihrer Schuld stehen. Was bot man einer Frau an, die sich selbst nehmen konnte, was sie benötigte? Geld? Einen Gefallen, dessen Gegenleistung sie noch nicht einmal kannte? Und wie lange? Wochen, Monate, für immer? Vor allem ärgerte Syrena, wie persönlich ihr das längst geworden war. Maisies Umarmungen, ihre Hand, dieses vorbehaltlose Vertrauen – viel zu viel Nähe für jemanden, der andere gewöhnlich sorgfältig auf Abstand hielt. Maureen hätte wenig Verständnis dafür aufgebracht. Syrena hatte gelernt, sich Menschen vom Leib zu halten, bevor sie ihr eine emotionale Schwäche nachweisen konnten. Bei diesem Mädchen war ihr das gründlich misslungen. Der Auftrag und ihre eigene Entscheidung, Maisie zu helfen, ließen sich nicht mehr trennen.
Antares' unvermitteltes „Scheiße“ unterbrach sie. Die Hexe beobachtete, wie er zur Bar schlurfte, eine Hand hob und schließlich doch einen Schlüssel benutzen musste. Er holte einen bläulichgrünen Trank und zwei Gläser hervor, füllte jedoch nur seines. „Soll das ein Angebot sein oder eine ausgesprochen subtile Vergiftungsdrohung?“ Syrena musterte den Inhalt, schenkte sich kurzerhand selbst ein und stellte das Glas vorerst unberührt neben sich. Bei Lexington war Vorsicht angebracht.
Seine nächste Tirade ließ ihren Ärger aufflammen. Verblendet, eingebildet, Miststück – und schon wieder ihre Undankbarkeit! „Lexington, wenn du dieses verdammte Dankeschön unbedingt brauchst, solltest du dir jemanden suchen, der bereit ist, es dir zu geben. Ich habe keine Lust, diese Diskussion ein viertes Mal zu führen!“ Herrgott, sie hatte ihren Standpunkt oft genug erklärt. Für eine weitere Runde fehlten ihr Geduld und auch Kraft.
Dass er wegen Maisie hier war, ließ sich nach seinem Eingreifen in der Gasse und dem Münzzauber kaum bestreiten. „Ich habe auch nie behauptet, dass dir Maisie gleichgültig wäre.“ Ein Heiliger wurde er deshalb noch lange nicht und erst recht niemand, der sich moralisch über sie stellen durfte.
Seine Frage nach Dhakiya verdiente eine richtige Antwort. Die Hexe schätzte, je aufrichtiger sie sich ihm gegenüber verhielt, desto weniger Steine würde er ihr dabei in den Weg legen. Und letztlich kam es der Kleinen schließlich zugute. „Meine Mutter hat Dhakiya damals als Lehrerin für mich engagiert“, fuhr sie daher fort. Dhakiya Magoro genoss als Voodoo-Priesterin unter Louisianas Hexen einen beinahe legendären Ruf und Maureen war es um Syrenas Ausbildung, nicht um eine Bezugsperson gegangen. „Sie verlangte Disziplin. Wenn ein Zauber nicht funktionierte, ließ sie mich herausfinden, weshalb, statt einfach immer mehr Kraft daraufzuwerfen.“ Sie ließ Syrena Übungen wegen kleinster Fehler wiederholen, nahm aber auch Fragen nach dunklerer Magie ernst, lehrte sie, diese zu nutzen, und bewahrte Syrena davor, selbst von schwarzer Magie beherrscht zu werden. Etwas, auf das ihre Mutter nie geachtet hatte. Durch Dhakiya hatte Syrena unter anderem ihre Faszination für Nekromantie entwickelt. Und anders als Maureen verlangte Dhakiya nicht nur Ergebnisse, sondern Verständnis. Sie hatte Syrenas Begabung weder gefürchtet noch verhätschelt, und selbst ihre schärfsten Zurechtweisungen waren nachvollziehbar gewesen.
„Wir haben noch Kontakt, wenn auch nur noch sporadisch, aber wir stehen uns nach wie vor nahe.“ Einen Augenblick unterbrach sie sich selbst um ihre Worte wohlüberlegt zurecht zu legen. „Dhakiya ist keine Heilige, Lexington. Falls du eine gutherzige Ersatzgroßmutter suchst, muss ich dich enttäuschen. Aber sie weiß, was sie tut. Und sie ist niemand, der sich von einem Mann wie Ashcroft einschüchtern lässt.“ Dhakiya arbeitete immerhin weder für Wolfram & Hart noch für Ashcroft, sondern für sich selbst. Und auch ihre emotionale Nähe zu Syrena bedeutete nicht, dass man über sie verfügen durfte.
Maisies Einfluss konnte auch Dhakiyas Magie dämpfen; wie stark dieser Einfluss ausfallen würde, konnte die Hexe nicht abschätzen, doch da Dhakiya noch mächtiger war als sie, vermutete Syrena, dass Dhakiya in Maisies Anwesenheit mehr magische Kraft zur Verfügung stehen würde. „Du gehst ständig davon aus, dass Schutz nur aus Zaubern besteht. Dhakiya hat Erfahrung, Verstand und ein Leben außerhalb von Ashcrofts unmittelbarem Umfeld. Das ist fürs Erste erheblich mehr, als wir diesem Mädchen hier bieten können. Außerdem hat sie sich dort ein Netzwerk aufgebaut, von dem ich durchaus schätze, dass es größer ist als das von Ashcroft.“ Kontakte waren schließlich oft alles, gerade wenn Magie versagte. Wie viele davon heute tatsächlich verfügbar waren und welche Vorkehrungen möglich wären, musste Dhakiya selbst beurteilen. „Natürlich kann ich dir nicht versprechen, dass dort überhaupt nichts passieren wird. Das kann niemand.“
Als er wieder davon ausging, dass Maisie ihre Eltern verlieren würde, verfinsterte sich ihre Miene. Erfahrung ersetzte keine Beweise. „Du hast eine Vermutung, Lexington. Keine Beweise.“ Vielleicht waren die Eltern beteiligt, vielleicht wurden sie bedroht und waren feige untergetaucht. Beides war möglich. „Und solange wir nicht wissen, was mit ihren Eltern passiert ist, werde ich Maisie ganz sicher nicht erklären, dass sie sie niemals wiedersieht.“
Bei seiner Forderung nach einem Vorgehen ohne krumme Geschäfte schnaubte sie. Ausgerechnet er! „Was genau fällt bei dir eigentlich unter ‚krumme Dinger‘? Dealereien und gefälschte Ausweise scheinen ja offenbar noch in Ordnung zu sein.“ Sie lächelte bissig, wurde dann jedoch wieder ernst. Syrena wusste durchaus, auf welch fragwürdigem Boden sie sich selbst bewegte. Der Unterschied bestand allerdings darin, dass sie aus ihren Geschäften kein Geheimnis machte und schon gar nicht versuchte, daraus eine moralische Überlegenheit abzuleiten. Was Maisie betraf, sollte Lexington sich dennoch eines klarmachen.
„Ich habe nicht vor, Maisie an irgendwen zu verkaufen, für einen Auftrag einzusetzen oder sie bei Wolfram & Hart abzuliefern, falls du darauf hinauswillst.“ Seine moralische Absolution brauchte sie nicht, ganz besonders nicht von ihm.
Mit seiner Abrissbirne erwischte er allerdings einen empfindlichen Punkt. „Ich habe sehr wohl bemerkt, wie sie mich ansieht! Nur weil ich sie nicht bei jeder Gelegenheit in den Arm nehme und ihr irgendwelche rührseligen Geschichten erzähle, heißt das nicht, dass ich blind bin!“
Er hielt ihr ausgerechnet das vor, womit sie seit Maisies erster Umarmung kämpfte. Maureen hatte ihr beigebracht, Gefühle zu kontrollieren und Schwäche zu verstecken, nicht mit kindlicher Zuneigung umzugehen. Maisies vorbehaltlose Nähe überforderte sie, ja. Sie wusste oft nicht einmal, wohin mit ihren Händen, wenn das Mädchen sie unvermittelt umarmte. Und jetzt sollte ausgerechnet Lexington entscheiden dürfen, was diese Unsicherheit über ihre Gefühle aussagte?
„Man kann sich übrigens auch um jemanden kümmern, ohne ihm ständig über den Kopf zu streicheln.“ Widerwillig erkannte sie trotzdem, wie selbstverständlich Antares Maisie tröstete. Er musste dafür offenbar keine inneren Widerstände überwinden, sie wusste nur noch nicht, ob sie ihn dafür bemitleiden oder beneiden sollte.
„Wie großzügig von dir, mir die organisatorische Arbeit zu überlassen, während du dich zum alleinigen Experten für Kinderseelen ernennst.“ Trotzdem verstand sie, was er eigentlich wollte. Maisie musste erfahren, was auf sie zukam, ohne dass man sie belog oder mit ungesicherten Behauptungen ängstigte. Bei manchen Fragen war Antares vermutlich der bessere Ansprechpartner. „Du kannst selbstverständlich mit ihr reden. Aber wir werden uns vorher darüber einig, was wir ihr überhaupt sagen können.“ Ob sich Antares dann auch morgen noch daranhalten würde, während sie morgen, an einem eigentlich völlig regulären Arbeitstag bei Damon ihren Bericht zu ihrer Observation abgab? Bei dem Gedanken wurde ihr leicht flau im Magen.
Fast schon gedankenverloren begann die Hexe über ihren Rock zu reiben um die kleinen Schmutzflecken zumindest etwas zu beseitigen. Der Taxifahrer würde nachher denken, sie sei hier aus irgendeinem miefigen Loch entsprungen. Abgesehen natürlich von den zwei Schusswunden und ihrer zerfetzten Jacke… machte das jetzt noch einen Unterschied? Doch alte Impulse konnte man einfach so schlecht ablegen.
„In einem Punkt hast du recht. Viel Zeit haben wir nicht.“ Anders als bei ihren vorigen Worten lag diesmal kein Spott in ihrer Stimme, wenngleich ihr dieses Zugeständnis bereits schmerzte. Morgen mussten sie handeln, auch wenn weder Dhakiyas Zusage noch Reisedokumente garantiert waren. Abwarten war keine Lösung. Syrena fuhr sich über die Stirn; der verletzte Arm schmerzte immer noch.
Auf seinen letzten Satz erwiderte sie zunächst nichts. Stattdessen griff Syrena nach dem Glas und betrachtete die eigenartige Farbe, bevor sie vorsichtig kostete. Dunkle Beeren, herber Rotwein, Rauch und eine angenehme Würze. Der Geschmack passte auf ärgerlich präzise Weise zu ihren Vorlieben. Misstrauisch sah sie über den Glasrand zu Lexington, bevor sie das Glas wieder auf dem Tisch abstellte.
Seine Worte über Maisie ließen sich damit allerdings nicht abschütteln. Vielleicht würde Maisie sie beide eines Tages für den Verlust ihrer vertrauten Welt verantwortlich machen. Syrena sah zur Schlafzimmertür. „Vielleicht wird sie uns irgendwann dafür hassen.“ Es war eine ausgesprochen bittere Ironie, dass ausgerechnet Syrena bereit war, den Hass eines anderen Menschen auf sich zu nehmen, wenn sie ihn dadurch vor einer größeren Gefahr bewahren konnte. Denn damit folgte sie unwissentlich demselben Grundsatz, nach dem Antares einst gehandelt hatte. Lieber von Amy verachtet werden, als sie einer Bedrohung auszusetzen, vor der er sie anders nicht zu schützen gewusst hatte.
Doch Syrena kannte nur den vermeintlichen Verrat und das Leid, das er ihrer Cousine zugefügt hatte. Dass hinter seinem Verhalten etwas anderes als Rücksichtslosigkeit stecken könnte, kam ihr nicht einmal in den Sinn. Und vermutlich hätte sie jeden für verrückt erklärt, der eine solche Möglichkeit auch nur angedeutet hätte. Sie sah wieder zu Antares. „Aber wenn die Alternative darin besteht, dass Ashcroft sie in die Finger bekommt, kann ich damit leben.“
Antares' unvermitteltes „Scheiße“ unterbrach sie. Die Hexe beobachtete, wie er zur Bar schlurfte, eine Hand hob und schließlich doch einen Schlüssel benutzen musste. Er holte einen bläulichgrünen Trank und zwei Gläser hervor, füllte jedoch nur seines. „Soll das ein Angebot sein oder eine ausgesprochen subtile Vergiftungsdrohung?“ Syrena musterte den Inhalt, schenkte sich kurzerhand selbst ein und stellte das Glas vorerst unberührt neben sich. Bei Lexington war Vorsicht angebracht.
Seine nächste Tirade ließ ihren Ärger aufflammen. Verblendet, eingebildet, Miststück – und schon wieder ihre Undankbarkeit! „Lexington, wenn du dieses verdammte Dankeschön unbedingt brauchst, solltest du dir jemanden suchen, der bereit ist, es dir zu geben. Ich habe keine Lust, diese Diskussion ein viertes Mal zu führen!“ Herrgott, sie hatte ihren Standpunkt oft genug erklärt. Für eine weitere Runde fehlten ihr Geduld und auch Kraft.
Dass er wegen Maisie hier war, ließ sich nach seinem Eingreifen in der Gasse und dem Münzzauber kaum bestreiten. „Ich habe auch nie behauptet, dass dir Maisie gleichgültig wäre.“ Ein Heiliger wurde er deshalb noch lange nicht und erst recht niemand, der sich moralisch über sie stellen durfte.
Seine Frage nach Dhakiya verdiente eine richtige Antwort. Die Hexe schätzte, je aufrichtiger sie sich ihm gegenüber verhielt, desto weniger Steine würde er ihr dabei in den Weg legen. Und letztlich kam es der Kleinen schließlich zugute. „Meine Mutter hat Dhakiya damals als Lehrerin für mich engagiert“, fuhr sie daher fort. Dhakiya Magoro genoss als Voodoo-Priesterin unter Louisianas Hexen einen beinahe legendären Ruf und Maureen war es um Syrenas Ausbildung, nicht um eine Bezugsperson gegangen. „Sie verlangte Disziplin. Wenn ein Zauber nicht funktionierte, ließ sie mich herausfinden, weshalb, statt einfach immer mehr Kraft daraufzuwerfen.“ Sie ließ Syrena Übungen wegen kleinster Fehler wiederholen, nahm aber auch Fragen nach dunklerer Magie ernst, lehrte sie, diese zu nutzen, und bewahrte Syrena davor, selbst von schwarzer Magie beherrscht zu werden. Etwas, auf das ihre Mutter nie geachtet hatte. Durch Dhakiya hatte Syrena unter anderem ihre Faszination für Nekromantie entwickelt. Und anders als Maureen verlangte Dhakiya nicht nur Ergebnisse, sondern Verständnis. Sie hatte Syrenas Begabung weder gefürchtet noch verhätschelt, und selbst ihre schärfsten Zurechtweisungen waren nachvollziehbar gewesen.
„Wir haben noch Kontakt, wenn auch nur noch sporadisch, aber wir stehen uns nach wie vor nahe.“ Einen Augenblick unterbrach sie sich selbst um ihre Worte wohlüberlegt zurecht zu legen. „Dhakiya ist keine Heilige, Lexington. Falls du eine gutherzige Ersatzgroßmutter suchst, muss ich dich enttäuschen. Aber sie weiß, was sie tut. Und sie ist niemand, der sich von einem Mann wie Ashcroft einschüchtern lässt.“ Dhakiya arbeitete immerhin weder für Wolfram & Hart noch für Ashcroft, sondern für sich selbst. Und auch ihre emotionale Nähe zu Syrena bedeutete nicht, dass man über sie verfügen durfte.
Maisies Einfluss konnte auch Dhakiyas Magie dämpfen; wie stark dieser Einfluss ausfallen würde, konnte die Hexe nicht abschätzen, doch da Dhakiya noch mächtiger war als sie, vermutete Syrena, dass Dhakiya in Maisies Anwesenheit mehr magische Kraft zur Verfügung stehen würde. „Du gehst ständig davon aus, dass Schutz nur aus Zaubern besteht. Dhakiya hat Erfahrung, Verstand und ein Leben außerhalb von Ashcrofts unmittelbarem Umfeld. Das ist fürs Erste erheblich mehr, als wir diesem Mädchen hier bieten können. Außerdem hat sie sich dort ein Netzwerk aufgebaut, von dem ich durchaus schätze, dass es größer ist als das von Ashcroft.“ Kontakte waren schließlich oft alles, gerade wenn Magie versagte. Wie viele davon heute tatsächlich verfügbar waren und welche Vorkehrungen möglich wären, musste Dhakiya selbst beurteilen. „Natürlich kann ich dir nicht versprechen, dass dort überhaupt nichts passieren wird. Das kann niemand.“
Als er wieder davon ausging, dass Maisie ihre Eltern verlieren würde, verfinsterte sich ihre Miene. Erfahrung ersetzte keine Beweise. „Du hast eine Vermutung, Lexington. Keine Beweise.“ Vielleicht waren die Eltern beteiligt, vielleicht wurden sie bedroht und waren feige untergetaucht. Beides war möglich. „Und solange wir nicht wissen, was mit ihren Eltern passiert ist, werde ich Maisie ganz sicher nicht erklären, dass sie sie niemals wiedersieht.“
Bei seiner Forderung nach einem Vorgehen ohne krumme Geschäfte schnaubte sie. Ausgerechnet er! „Was genau fällt bei dir eigentlich unter ‚krumme Dinger‘? Dealereien und gefälschte Ausweise scheinen ja offenbar noch in Ordnung zu sein.“ Sie lächelte bissig, wurde dann jedoch wieder ernst. Syrena wusste durchaus, auf welch fragwürdigem Boden sie sich selbst bewegte. Der Unterschied bestand allerdings darin, dass sie aus ihren Geschäften kein Geheimnis machte und schon gar nicht versuchte, daraus eine moralische Überlegenheit abzuleiten. Was Maisie betraf, sollte Lexington sich dennoch eines klarmachen.
„Ich habe nicht vor, Maisie an irgendwen zu verkaufen, für einen Auftrag einzusetzen oder sie bei Wolfram & Hart abzuliefern, falls du darauf hinauswillst.“ Seine moralische Absolution brauchte sie nicht, ganz besonders nicht von ihm.
Mit seiner Abrissbirne erwischte er allerdings einen empfindlichen Punkt. „Ich habe sehr wohl bemerkt, wie sie mich ansieht! Nur weil ich sie nicht bei jeder Gelegenheit in den Arm nehme und ihr irgendwelche rührseligen Geschichten erzähle, heißt das nicht, dass ich blind bin!“
Er hielt ihr ausgerechnet das vor, womit sie seit Maisies erster Umarmung kämpfte. Maureen hatte ihr beigebracht, Gefühle zu kontrollieren und Schwäche zu verstecken, nicht mit kindlicher Zuneigung umzugehen. Maisies vorbehaltlose Nähe überforderte sie, ja. Sie wusste oft nicht einmal, wohin mit ihren Händen, wenn das Mädchen sie unvermittelt umarmte. Und jetzt sollte ausgerechnet Lexington entscheiden dürfen, was diese Unsicherheit über ihre Gefühle aussagte?
„Man kann sich übrigens auch um jemanden kümmern, ohne ihm ständig über den Kopf zu streicheln.“ Widerwillig erkannte sie trotzdem, wie selbstverständlich Antares Maisie tröstete. Er musste dafür offenbar keine inneren Widerstände überwinden, sie wusste nur noch nicht, ob sie ihn dafür bemitleiden oder beneiden sollte.
„Wie großzügig von dir, mir die organisatorische Arbeit zu überlassen, während du dich zum alleinigen Experten für Kinderseelen ernennst.“ Trotzdem verstand sie, was er eigentlich wollte. Maisie musste erfahren, was auf sie zukam, ohne dass man sie belog oder mit ungesicherten Behauptungen ängstigte. Bei manchen Fragen war Antares vermutlich der bessere Ansprechpartner. „Du kannst selbstverständlich mit ihr reden. Aber wir werden uns vorher darüber einig, was wir ihr überhaupt sagen können.“ Ob sich Antares dann auch morgen noch daranhalten würde, während sie morgen, an einem eigentlich völlig regulären Arbeitstag bei Damon ihren Bericht zu ihrer Observation abgab? Bei dem Gedanken wurde ihr leicht flau im Magen.
Fast schon gedankenverloren begann die Hexe über ihren Rock zu reiben um die kleinen Schmutzflecken zumindest etwas zu beseitigen. Der Taxifahrer würde nachher denken, sie sei hier aus irgendeinem miefigen Loch entsprungen. Abgesehen natürlich von den zwei Schusswunden und ihrer zerfetzten Jacke… machte das jetzt noch einen Unterschied? Doch alte Impulse konnte man einfach so schlecht ablegen.
„In einem Punkt hast du recht. Viel Zeit haben wir nicht.“ Anders als bei ihren vorigen Worten lag diesmal kein Spott in ihrer Stimme, wenngleich ihr dieses Zugeständnis bereits schmerzte. Morgen mussten sie handeln, auch wenn weder Dhakiyas Zusage noch Reisedokumente garantiert waren. Abwarten war keine Lösung. Syrena fuhr sich über die Stirn; der verletzte Arm schmerzte immer noch.
Auf seinen letzten Satz erwiderte sie zunächst nichts. Stattdessen griff Syrena nach dem Glas und betrachtete die eigenartige Farbe, bevor sie vorsichtig kostete. Dunkle Beeren, herber Rotwein, Rauch und eine angenehme Würze. Der Geschmack passte auf ärgerlich präzise Weise zu ihren Vorlieben. Misstrauisch sah sie über den Glasrand zu Lexington, bevor sie das Glas wieder auf dem Tisch abstellte.
Seine Worte über Maisie ließen sich damit allerdings nicht abschütteln. Vielleicht würde Maisie sie beide eines Tages für den Verlust ihrer vertrauten Welt verantwortlich machen. Syrena sah zur Schlafzimmertür. „Vielleicht wird sie uns irgendwann dafür hassen.“ Es war eine ausgesprochen bittere Ironie, dass ausgerechnet Syrena bereit war, den Hass eines anderen Menschen auf sich zu nehmen, wenn sie ihn dadurch vor einer größeren Gefahr bewahren konnte. Denn damit folgte sie unwissentlich demselben Grundsatz, nach dem Antares einst gehandelt hatte. Lieber von Amy verachtet werden, als sie einer Bedrohung auszusetzen, vor der er sie anders nicht zu schützen gewusst hatte.
Doch Syrena kannte nur den vermeintlichen Verrat und das Leid, das er ihrer Cousine zugefügt hatte. Dass hinter seinem Verhalten etwas anderes als Rücksichtslosigkeit stecken könnte, kam ihr nicht einmal in den Sinn. Und vermutlich hätte sie jeden für verrückt erklärt, der eine solche Möglichkeit auch nur angedeutet hätte. Sie sah wieder zu Antares. „Aber wenn die Alternative darin besteht, dass Ashcroft sie in die Finger bekommt, kann ich damit leben.“


