05.10.2026, 14:39
Dass Lexington während ihrer Ausführungen nicht einmal die Augen öffnete, brachte Syrena beinahe mehr auf die Palme als seine üblichen Unverschämtheiten. Da saß er mit seiner Bierflasche und behandelte das Gespräch über Maisies Zukunft, als müsse er sich eine besonders langweilige Vorlesung anhören. Ob er sich damals an der UCLA auch so auf seinem Stuhl gefläzt hatte? Natürlich war er erschöpft, aber das entschuldigte nicht jede Unverschämtheit. Sie hätte selbst liebend gern die Augen geschlossen, statt darüber nachzudenken, wie sie ein fremdes Kind vor Leuten versteckten, die bereit waren, dafür zu töten. Trotzdem saß sie hier und bemühte sich wenigstens um eine vernünftige Lösung. Als er bei ihrem Vorschlag zur Suche nach den Eltern lediglich den Daumen hob, wollte sie ihn schon fragen, ob sie jetzt auch noch ein schriftliches Lob erwarten durfte, doch Syrena verkniff es sich. Immerhin bekam sie von dem müden Hofkater noch etwas Zustimmung. Bei jeder Provokation anzuspringen würde nur in den nächsten sinnlosen Streit führen. Wenigstens schien er das Wesentliche begriffen zu haben.
Seine Bemerkung, er kenne noch eine andere Möglichkeit, Maisies Eltern ausfindig zu machen, weckte dagegen sofort ihr Interesse. Er tat diese Alternative wegen des zeitlichen Aufwands und der unsicheren Erfolgsaussichten ab. Eine umständliche Methode konnte bei verschwundenen Menschen später trotzdem entscheidend werden. „Und was wäre das für eine Methode?“, fragte sie. „Vielleicht brauchen wir sie später noch.“ Er hatte offenbar noch Möglichkeiten, von denen sie nichts wusste. Seine Geheimnisse durfte er gern behalten, solange er im Ernstfall brauchbare Informationen lieferte.
Noch einmal nachhaken würde sie vorerst nicht; er hatte die Frage gehört. Sein „Check!“ quittierte sie mit einem dünnen Lächeln. Auf der anderen Seite war es deutlich bequemer, von ihm lediglich ein Wort zu bekommen, so minimierten sich die Diskussionen. Ein Befehl, ein Parieren – damit musste sich der Kater doch sicherlich auskennen!
Als Antares auf Maisies Magie einging, hörte sie genauer hin, auch wenn seine Aufforderung, zwischendurch Luft zu holen, nach einer passenden Erwiderung schrie. Er kannte das Mädchen ebenso wenig wie sie und konnte nur Vermutungen anstellen. Lexington mochte ein unerträglicher Wichtigtuer sein, aber nach dem gemeinsamen Zauber im Badezimmer konnte sie schlecht behaupten, er besitze keine beachtlichen magischen Kenntnisse.
Dass selbst er keinen vergleichbaren Fall kannte, machte Maisie umso rätselhafter. Ob ihre geliehenen Fähigkeiten mit Maisies Abreise verschwanden oder teilweise blieben, wusste keiner von ihnen. Immerhin tat Antares nicht so, als hätte er die Antwort längst parat. „Wie beruhigend, wenigstens sind wir uns ausnahmsweise darin einig, dass wir keine Ahnung haben, womit wir es zu tun haben.“ Sie nahm immerhin zur Kenntnis, dass er die Gefahr unkontrollierter Zauber ebenso ernst nahm wie sie.
Als er ausgerechnet das Wort „Flüche“ besonders betonte, hob Syrena eine Braue. Wie subtil, Lexington! Dann verdrehte sie die Augen. Seine Anspielung auf die eigene Verwandlung änderte nichts an ihrer Haltung zum Fluch oder dem, was er Amy angetan hatte. Aber Dhakiya verfügte über Wissen, das weit über gewöhnliche Hexerei hinausging. Vielleicht kannte sie ein ähnliches Phänomen.
Syrena erinnerte sich noch gut daran, wie ihre Mentorin selbst bei den ungewöhnlichsten Erscheinungen zunächst nach Ursache, Bindung und Wirkung gefragt hatte, statt irgendeine bequeme Erklärung zu übernehmen. Genau diese Art von Sachverstand konnten sie jetzt gebrauchen! „Ich werde Dhakiya auch danach fragen. Vielleicht kennt sie etwas Vergleichbares.“ Schon ein einziger brauchbarer Hinweis wäre mehr, als sie bisher hatten.
Weniger erfreulich fiel Lexingtons Reaktion auf ihre Frage nach dem geflüsterten Trick aus. Argh, dieses fiese Grinsen! Sein „Platz ruhig, aber das verrate ich dir nicht“ war so offenkundig darauf angelegt, sie zur Weißglut zu bringen, dass Syrena ihn einen Augenblick mit unverhohlener Missbilligung ansah. Gerade noch hatte er von Gefahren gesprochen, nun verweigerte er ihr absichtlich eine möglicherweise wichtige Information. Dieser kindische Mistkerl genoss es geradezu. Syrena würde ihm die Genugtuung eines neuen Streits nicht schenken, daher zuckte sie anschließend nur unbeeindruckt mit den Schultern. „Gut. Dann frage ich morgen Maisie selbst.“ Ein spöttisches Lächeln begleitete ihre nächsten Worte. „Vielleicht ist sie ja erwachsener als du.“ Sein salutierendes „Ay Ay, Ma’am“ würdigte sie nur eines finsteren Blicks. Wenigstens hatte er verstanden, worum es ging. Ob er sich daran hielt, war eine andere Frage.
Bei Maisies Unterbringung zeigte Lexington immerhin Vernunft. Sein gereiztes „Ich habs kapiert!“ quittierte die Hexe mit einem erneuten Augenverdrehen. Doch er gab zu, dass Maisie fortmusste, und akzeptierte einen anderen Aufenthaltsort. Syrena beobachtete ihn. Er hatte das Mädchen aufgenommen, versorgt und sich für die Auflösung der magischen Signatur bis an seine Grenzen verausgabt. Trotzdem war er bereit, sie wieder wegzugeben, statt aus Eitelkeit darauf zu bestehen, allein für ihre Sicherheit sorgen zu können, das war wenigstens etwas bei diesem verkommenen Kater. Bei Maisie stellte der überhebliche Kerl offenbar nicht immer sich selbst an erste Stelle. Syrena verzichtete ausnahmsweise auf einen Kommentar.
Noch bemerkenswerter war, dass er bei Dhakiyas Namen schließlich sogar den Kopf hob. Endlich schenkte er ihren Worten echte Aufmerksamkeit! Dass ausgerechnet Dhakiyas Name dafür nötig gewesen war, hätte die Hexe ihm am liebsten sofort vorgehalten, doch sie ließ es bleiben, denn sein nächster Satz verlangte nach einer ganz anderen Einordnung.
Syrena musterte ihn. Er traute ihr nicht, daran bestand kein Zweifel. Trotzdem war er bereit, Maisie einer Frau anzuvertrauen, die er überhaupt nicht kannte, nur weil Syrena sie vorgeschlagen hatte. Offenbar hielt er sie zumindest in dieser Angelegenheit für einigermaßen zurechnungsfähig. Welch überraschende Erkenntnis! Das war erstaunlich differenziert für diesen Mann. Sympathischer machte ihn das allerdings nicht.
Bei der Frage nach den Eltern kam allerdings erneut sein Misstrauen zum Vorschein. Seine schlechten Erfahrungen waren noch kein Beweis gegen Maisies Eltern, und Syrena würde die Schuldfrage nicht noch einmal durchkauen. Als Antares vorschlug, sie könne die Eltern nach ihrem Auffinden einfach besuchen, verzog sie unwillig den Mund. „Ich werde jedenfalls nicht einfach an ihrer Tür klingeln und hoffen, dass mir niemand eine Waffe entgegenhält. Oder mich noch mal anschießt.“ Ihr linker Oberarm meldete sich bei dieser Erinnerung ausgesprochen zuverlässig. Sie rückte ihn vorsichtig zurecht und versuchte, den Druck auf den Verband zu verringern. Möglicherweise überwachten Ashcrofts Männer die Wohnung längst. „Sobald wir wissen, wo sie sind, sehen wir weiter.“ Vorschnelle Urteile halfen ihnen ohnehin nicht.
Seine anschließende Forderung, Dhakiya müsse der Aufnahme ausdrücklich zustimmen, nötigte Syrena ein Lachen ab. „Ach, tatsächlich? Und ich hatte vor, ihr morgen mitzuteilen, dass sie ab sofort ein zwölfjähriges Mädchen zu versorgen hat. Ganz ohne zu fragen.“ Antares kannte Dhakiya eindeutig nicht! Ihr einfach ein Kind vor die Tür zu stellen, war völlig absurd. Dhakiya ließ sich von niemandem herumkommandieren, nicht einmal von ihr. Syrena respektierte ihr Urteil, selbst wenn es ihrem eigenen widersprach. „Natürlich entscheidet Dhakiya selbst, ob sie Maisie aufnimmt. Etwas anderes würde sie auch niemals zulassen.“ Sie hoffte auf eine Zusage, wusste aber, dass sie keinen Anspruch darauf hatte und dass sie ihr danach verdammt viel schuldete.
Für morgen ergab sich daraus eine klare Reihenfolge: Erst Dhakiya erreichen und mit ihr über Maisies Unterbringung und Fähigkeiten sprechen; außerdem das Mädchen nach möglichen Wegen zu seinen Eltern fragen. Danach konnten sie weitersehen. Ohne Antworten ließ sich keine Reise planen und sie mussten zuerst klären, ob Maisie überhaupt von ihren Eltern getrennt werden musste, bevor sie ernsthaft über einen Flug auf einen anderen Kontinent entschieden.
Syrena hätte am liebsten sofort alles geregelt, aber selbst sie konnte fehlende Informationen nicht herbeizaubern. Sie rieb sich kurz ihre Schläfen, um gegen die aufbäumende Müdigkeit anzutreten. Ihr Körper verlangte längst nach Schlaf und einer ordentlichen Versorgung der Verletzungen, doch ihre Gedanken liefen die Möglichkeiten noch immer nacheinander durch. Nebenan lag ein Kind, dessen nächster Tag davon abhing, ob die Erwachsenen diesmal vernünftige Entscheidungen trafen. Das würde Syrena gewiss nicht allein Lexington überlassen, selbst wenn sie sich darüber hinaus liebend gern von ihm ferngehalten hätte.
Seine letzte Spitze ließ sie dann doch grinsen. Er hatte sich tatsächlich daran gestoßen, dass sie ständig „wir“ sagte. Syrena musterte ihn einen Augenblick ungläubig, während ihr einfiel, wie selbstverständlich er das Wort selbst verwendet hatte.
„Interessant. Als du gerade von ‚wir schicken Maisie‘ gesprochen hast, hat dich das kleine Wörtchen offenbar noch nicht gestört.“ Ihr Grinsen wurde breiter. Welch entzückendes Eigentor! „Ich kann dich für ein arrogantes Arschloch halten und trotzdem erkennen, dass du in dieser Angelegenheit etwas beizutragen hast. Das eine schließt das andere nicht aus.“ Ihr Blick hielt seinem stand. Was er Amy angetan hatte, blieb unverziehen. Kein gerettetes Kind, keine gemeinsame Anstrengung und auch kein widerwillig vernünftiger Vorschlag würden daran etwas ändern. Deshalb auf seine Fähigkeiten zu verzichten, ja, daran hatte sie einen Moment gedacht. Sie war bei dieser Sache nicht annähernd so objektiv, wie sie ihm gerade weismachen wollte.
Sie deutete mit einer knappen Kopfbewegung in Richtung Schlafzimmer. „Und falls du es vergessen hast: Maisie schläft gerade in deinem Bett. Ich fürchte, damit bist du ohnehin beteiligt.“
Seine Bemerkung, er kenne noch eine andere Möglichkeit, Maisies Eltern ausfindig zu machen, weckte dagegen sofort ihr Interesse. Er tat diese Alternative wegen des zeitlichen Aufwands und der unsicheren Erfolgsaussichten ab. Eine umständliche Methode konnte bei verschwundenen Menschen später trotzdem entscheidend werden. „Und was wäre das für eine Methode?“, fragte sie. „Vielleicht brauchen wir sie später noch.“ Er hatte offenbar noch Möglichkeiten, von denen sie nichts wusste. Seine Geheimnisse durfte er gern behalten, solange er im Ernstfall brauchbare Informationen lieferte.
Noch einmal nachhaken würde sie vorerst nicht; er hatte die Frage gehört. Sein „Check!“ quittierte sie mit einem dünnen Lächeln. Auf der anderen Seite war es deutlich bequemer, von ihm lediglich ein Wort zu bekommen, so minimierten sich die Diskussionen. Ein Befehl, ein Parieren – damit musste sich der Kater doch sicherlich auskennen!
Als Antares auf Maisies Magie einging, hörte sie genauer hin, auch wenn seine Aufforderung, zwischendurch Luft zu holen, nach einer passenden Erwiderung schrie. Er kannte das Mädchen ebenso wenig wie sie und konnte nur Vermutungen anstellen. Lexington mochte ein unerträglicher Wichtigtuer sein, aber nach dem gemeinsamen Zauber im Badezimmer konnte sie schlecht behaupten, er besitze keine beachtlichen magischen Kenntnisse.
Dass selbst er keinen vergleichbaren Fall kannte, machte Maisie umso rätselhafter. Ob ihre geliehenen Fähigkeiten mit Maisies Abreise verschwanden oder teilweise blieben, wusste keiner von ihnen. Immerhin tat Antares nicht so, als hätte er die Antwort längst parat. „Wie beruhigend, wenigstens sind wir uns ausnahmsweise darin einig, dass wir keine Ahnung haben, womit wir es zu tun haben.“ Sie nahm immerhin zur Kenntnis, dass er die Gefahr unkontrollierter Zauber ebenso ernst nahm wie sie.
Als er ausgerechnet das Wort „Flüche“ besonders betonte, hob Syrena eine Braue. Wie subtil, Lexington! Dann verdrehte sie die Augen. Seine Anspielung auf die eigene Verwandlung änderte nichts an ihrer Haltung zum Fluch oder dem, was er Amy angetan hatte. Aber Dhakiya verfügte über Wissen, das weit über gewöhnliche Hexerei hinausging. Vielleicht kannte sie ein ähnliches Phänomen.
Syrena erinnerte sich noch gut daran, wie ihre Mentorin selbst bei den ungewöhnlichsten Erscheinungen zunächst nach Ursache, Bindung und Wirkung gefragt hatte, statt irgendeine bequeme Erklärung zu übernehmen. Genau diese Art von Sachverstand konnten sie jetzt gebrauchen! „Ich werde Dhakiya auch danach fragen. Vielleicht kennt sie etwas Vergleichbares.“ Schon ein einziger brauchbarer Hinweis wäre mehr, als sie bisher hatten.
Weniger erfreulich fiel Lexingtons Reaktion auf ihre Frage nach dem geflüsterten Trick aus. Argh, dieses fiese Grinsen! Sein „Platz ruhig, aber das verrate ich dir nicht“ war so offenkundig darauf angelegt, sie zur Weißglut zu bringen, dass Syrena ihn einen Augenblick mit unverhohlener Missbilligung ansah. Gerade noch hatte er von Gefahren gesprochen, nun verweigerte er ihr absichtlich eine möglicherweise wichtige Information. Dieser kindische Mistkerl genoss es geradezu. Syrena würde ihm die Genugtuung eines neuen Streits nicht schenken, daher zuckte sie anschließend nur unbeeindruckt mit den Schultern. „Gut. Dann frage ich morgen Maisie selbst.“ Ein spöttisches Lächeln begleitete ihre nächsten Worte. „Vielleicht ist sie ja erwachsener als du.“ Sein salutierendes „Ay Ay, Ma’am“ würdigte sie nur eines finsteren Blicks. Wenigstens hatte er verstanden, worum es ging. Ob er sich daran hielt, war eine andere Frage.
Bei Maisies Unterbringung zeigte Lexington immerhin Vernunft. Sein gereiztes „Ich habs kapiert!“ quittierte die Hexe mit einem erneuten Augenverdrehen. Doch er gab zu, dass Maisie fortmusste, und akzeptierte einen anderen Aufenthaltsort. Syrena beobachtete ihn. Er hatte das Mädchen aufgenommen, versorgt und sich für die Auflösung der magischen Signatur bis an seine Grenzen verausgabt. Trotzdem war er bereit, sie wieder wegzugeben, statt aus Eitelkeit darauf zu bestehen, allein für ihre Sicherheit sorgen zu können, das war wenigstens etwas bei diesem verkommenen Kater. Bei Maisie stellte der überhebliche Kerl offenbar nicht immer sich selbst an erste Stelle. Syrena verzichtete ausnahmsweise auf einen Kommentar.
Noch bemerkenswerter war, dass er bei Dhakiyas Namen schließlich sogar den Kopf hob. Endlich schenkte er ihren Worten echte Aufmerksamkeit! Dass ausgerechnet Dhakiyas Name dafür nötig gewesen war, hätte die Hexe ihm am liebsten sofort vorgehalten, doch sie ließ es bleiben, denn sein nächster Satz verlangte nach einer ganz anderen Einordnung.
Syrena musterte ihn. Er traute ihr nicht, daran bestand kein Zweifel. Trotzdem war er bereit, Maisie einer Frau anzuvertrauen, die er überhaupt nicht kannte, nur weil Syrena sie vorgeschlagen hatte. Offenbar hielt er sie zumindest in dieser Angelegenheit für einigermaßen zurechnungsfähig. Welch überraschende Erkenntnis! Das war erstaunlich differenziert für diesen Mann. Sympathischer machte ihn das allerdings nicht.
Bei der Frage nach den Eltern kam allerdings erneut sein Misstrauen zum Vorschein. Seine schlechten Erfahrungen waren noch kein Beweis gegen Maisies Eltern, und Syrena würde die Schuldfrage nicht noch einmal durchkauen. Als Antares vorschlug, sie könne die Eltern nach ihrem Auffinden einfach besuchen, verzog sie unwillig den Mund. „Ich werde jedenfalls nicht einfach an ihrer Tür klingeln und hoffen, dass mir niemand eine Waffe entgegenhält. Oder mich noch mal anschießt.“ Ihr linker Oberarm meldete sich bei dieser Erinnerung ausgesprochen zuverlässig. Sie rückte ihn vorsichtig zurecht und versuchte, den Druck auf den Verband zu verringern. Möglicherweise überwachten Ashcrofts Männer die Wohnung längst. „Sobald wir wissen, wo sie sind, sehen wir weiter.“ Vorschnelle Urteile halfen ihnen ohnehin nicht.
Seine anschließende Forderung, Dhakiya müsse der Aufnahme ausdrücklich zustimmen, nötigte Syrena ein Lachen ab. „Ach, tatsächlich? Und ich hatte vor, ihr morgen mitzuteilen, dass sie ab sofort ein zwölfjähriges Mädchen zu versorgen hat. Ganz ohne zu fragen.“ Antares kannte Dhakiya eindeutig nicht! Ihr einfach ein Kind vor die Tür zu stellen, war völlig absurd. Dhakiya ließ sich von niemandem herumkommandieren, nicht einmal von ihr. Syrena respektierte ihr Urteil, selbst wenn es ihrem eigenen widersprach. „Natürlich entscheidet Dhakiya selbst, ob sie Maisie aufnimmt. Etwas anderes würde sie auch niemals zulassen.“ Sie hoffte auf eine Zusage, wusste aber, dass sie keinen Anspruch darauf hatte und dass sie ihr danach verdammt viel schuldete.
Für morgen ergab sich daraus eine klare Reihenfolge: Erst Dhakiya erreichen und mit ihr über Maisies Unterbringung und Fähigkeiten sprechen; außerdem das Mädchen nach möglichen Wegen zu seinen Eltern fragen. Danach konnten sie weitersehen. Ohne Antworten ließ sich keine Reise planen und sie mussten zuerst klären, ob Maisie überhaupt von ihren Eltern getrennt werden musste, bevor sie ernsthaft über einen Flug auf einen anderen Kontinent entschieden.
Syrena hätte am liebsten sofort alles geregelt, aber selbst sie konnte fehlende Informationen nicht herbeizaubern. Sie rieb sich kurz ihre Schläfen, um gegen die aufbäumende Müdigkeit anzutreten. Ihr Körper verlangte längst nach Schlaf und einer ordentlichen Versorgung der Verletzungen, doch ihre Gedanken liefen die Möglichkeiten noch immer nacheinander durch. Nebenan lag ein Kind, dessen nächster Tag davon abhing, ob die Erwachsenen diesmal vernünftige Entscheidungen trafen. Das würde Syrena gewiss nicht allein Lexington überlassen, selbst wenn sie sich darüber hinaus liebend gern von ihm ferngehalten hätte.
Seine letzte Spitze ließ sie dann doch grinsen. Er hatte sich tatsächlich daran gestoßen, dass sie ständig „wir“ sagte. Syrena musterte ihn einen Augenblick ungläubig, während ihr einfiel, wie selbstverständlich er das Wort selbst verwendet hatte.
„Interessant. Als du gerade von ‚wir schicken Maisie‘ gesprochen hast, hat dich das kleine Wörtchen offenbar noch nicht gestört.“ Ihr Grinsen wurde breiter. Welch entzückendes Eigentor! „Ich kann dich für ein arrogantes Arschloch halten und trotzdem erkennen, dass du in dieser Angelegenheit etwas beizutragen hast. Das eine schließt das andere nicht aus.“ Ihr Blick hielt seinem stand. Was er Amy angetan hatte, blieb unverziehen. Kein gerettetes Kind, keine gemeinsame Anstrengung und auch kein widerwillig vernünftiger Vorschlag würden daran etwas ändern. Deshalb auf seine Fähigkeiten zu verzichten, ja, daran hatte sie einen Moment gedacht. Sie war bei dieser Sache nicht annähernd so objektiv, wie sie ihm gerade weismachen wollte.
Sie deutete mit einer knappen Kopfbewegung in Richtung Schlafzimmer. „Und falls du es vergessen hast: Maisie schläft gerade in deinem Bett. Ich fürchte, damit bist du ohnehin beteiligt.“

