04.10.2026, 17:16
„Mein Problem war nicht, dass du geholfen hast. Mein Problem war, dass du beschlossen hast, nebenbei noch etwas anderes durch meinen Körper zu schicken, ohne es mir zu sagen.“ Syrena hob die Brauen, als wäre der Unterschied derart offensichtlich, dass allein seine Verteidigung bereits anstrengend genug war. Dass seine Heilmagie ihr vermutlich tatsächlich geholfen hatte, änderte daran nichts. Nur machte ein brauchbares Ergebnis aus einem ungefragten Eingriff noch lange keine stille Erlaubnis. Dass er das aber auch partout nicht begriff!
„Und wenn du dich noch einmal selbst als die gute Seite der Macht bezeichnest, muss wohl eher ich mich übergeben.“ Seinen Versuch, daraus eine Frage ihres Egos zu machen, ließ sie unbeantwortet. Dafür hatte sie heute bereits genug Energie an sinnvolleren Stellen verbrannt.
Als Antares später tatsächlich die Hand nach der Münze ausstreckte und sie misstrauisch fragte, ob sie nun wirklich wollte, dass auch er sie prüfte, sah Syrena ihn an, als hätte er wissen wollen, ob Wasser nass war. „Ja, Lexington. Genau deshalb habe ich dich darum gebeten.“ Sie legte ihm die Münze auf die offene Hand und wartete. Als er sie ihr zurückgab und auch von seiner Seite nichts mehr gegen die vollständige Auflösung der Signatur sprach, verschwand das Stück Metall wieder in ihrer Tasche. Zwei voneinander unabhängige Prüfungen reichten ihr vorerst.
„Dann nimm das Stofftier.“ Na klar doch! Syrena nahm Emile entgegen und betrachtete das ramponierte Faultier. Lexington bekam das Kind, und sie durfte das Stofftier eskortieren. Ihre Karriere erreichte heute wirklich neue Höhen. Sie sagte nichts dazu, als Antares Maisie vorsichtig hochhob. Als er beim Aufstehen einen Ausfallschritt brauchte, wanderte ihre Aufmerksamkeit kurz von ihm zu dem schlafenden Mädchen. Meine Güte, hatte er selbst überhaupt noch genug Kraft in sich?! Immerhin fing er sich dann doch noch. Syrena folgte ihm ins Schlafzimmer, schlug die Decke zurück und trat beiseite, damit er Maisie ablegen konnte. Als sich das Mädchen beinahe sofort wieder zusammenrollte, zog Syrena vorsichtig die Decke über sie und legte Emile dicht an ihre Arme. Maisies Hand fand den abgewetzten Stoffkörper fast von selbst, die Finger schlossen sich darum, ohne dass sie davon richtig wach wurde.
Sie vergewisserte sich noch, dass Maisie weiterschlief, bevor sie das Schlafzimmerfenster verdunkelte, Antares ins Wohnzimmer folgte und die Tür leise hinter sich zuzog. Er hatte es sich inzwischen auf dem Sofa bequem gemacht, soweit man bei seinem Zustand davon sprechen konnte, die Bierflasche auf dem Oberschenkel, den Kopf zurückgelegt, die Augen geschlossen. Und kaum war Syrena wieder im Raum, erklärte er ihr, sie könne jetzt gehen. Das Angebot mit dem Taxi setzte dem Ganzen die passende Krone auf.
Die Hexe verschränkte demonstrativ ihre Arme vor ihrem Oberkörper. „Nein.“ Es kam völlig ruhig über ihre Lippen, auch, wenn sie über seine Unverfrorenheit wieder innerlich vor Empörung aufschrie. „Ich gehe, wenn ich fertig bin.“
Damit setzte sie sich in den Sessel gegenüber, lehnte sich ebenfalls nach hinten, strich sich mit einer Hand das Haar aus dem Gesicht und ließ für einen Moment erkennen, wie viel der Abend tatsächlich aus ihr herausgezogen hatte. Die Bewegung war langsamer als sonst, ihre Schultern sanken etwas tiefer, und unter ihren Augen zeichnete sich die Müdigkeit deutlicher ab, ehe sie ihre Haltung wieder ordnete. „Das bin ich nämlich noch nicht. Ich weiß ja, dass du stets nur von der Tapete bis zur Wand denkst, aber ich schaue auch auf die zukünftigen Tage der Kleinen.“ Sie hob drei Finger. „Drei Dinge. Erstens: Maisies Eltern. Zweitens: Was genau dieses Kind inzwischen mit fremder Magie anstellt. Und drittens: Wo sie ab morgen sein wird. Denn sie kann nicht länger hierbleiben. Ich denke, das weißt du selbst.“ Ihre Aufmerksamkeit streifte die Bierflasche. „Danach darfst du es noch einmal mit dem Taxi versuchen.“
Syrena ließ ihre Hand wieder sinken und betrachtete Antares. Sie hätte ebenfalls nichts dagegen gehabt, sich endlich zurückzuziehen, eine herrlich heiße Dusche zu nehmen, die verdammten Schusswunden ordentlich zu versorgen und anschließend für mindestens zwölf Stunden niemanden mehr sehen zu müssen. Aber anders als Lexington konnte sie sich nur schwer damit zufriedengeben, dass Maisie gerade friedlich im Nebenzimmer schlief. Denn dieses Mädchen hatte nach wie vor keine Ahnung, wo seine Eltern waren, und sie beide verfügten über erschreckend wenige Informationen, um daran etwas zu ändern.
„Wir rufen sie nicht einfach an und erzählen ihnen, wo Maisie sich befindet. Wir wissen immer noch nicht, weshalb sie verschwunden sind oder was inzwischen mit ihnen gemacht wurde. Oder wer sie vielleicht schon wegen der Kleinen überwacht.“ Syrena legte die unverletzte Hand auf die Armlehne. „Morgen, wenn Maisie wach ist, fragen wir sie, wie wir ihre Eltern erreichen können. Dann versuchen wir herauszufinden, wo sie stecken und ob sie in Sicherheit sind. Aber ganz gleich, mit wem wir sprechen: Wir verraten weder Maisies Aufenthaltsort noch, bei wem sie untergebracht ist.“ Sie neigte den Kopf leicht. „Oder hast du eine bessere Möglichkeit, herauszufinden, wo ihre Eltern stecken, ohne ihnen gleichzeitig Maisies Aufenthaltsort auf dem Silbertablett zu servieren?“
Ob Lexington dazu eine brauchbare Idee hatte, würde sich zeigen. Syrena war durchaus bereit, sich einen besseren Vorschlag anzuhören, sofern er tatsächlich einen zustande brachte. Allerdings beschäftigte sie noch etwas anderes, das sich ihrer Ansicht nach erheblich dringlicher entwickeln konnte als die Frage nach Maisies verschwundenen Eltern.
Ihre bisherigen Beobachtungen passten nämlich immer weniger zu der Annahme, dass das Mädchen lediglich fremde Magie unterdrückte. Und gerade, weil sie nicht wusste, nach welchen Regeln diese neue Fähigkeit funktionierte, behagte ihr die Angelegenheit überhaupt nicht.
„Empathie und Tierkontrolle sind zwei völlig verschiedene Fähigkeiten.“ Ihre Stimme wurde sachlicher. „Wenn Maisie nur eine einzelne Fähigkeit von dir übernommen hätte, wäre das schon bemerkenswert genug. Aber sie hat offenbar mindestens zwei unterschiedliche Teile deiner Magie benutzt.“ Syrena fixierte ihn. „Leiht sie sich eine Fähigkeit aus – oder bekommt sie Zugriff auf alles, was jemand in ihrer Nähe kann?“ Nicht die Taube und auch nicht Maisies überraschendes Gespür für Antares’ Traurigkeit waren das eigentliche Problem, sondern die Möglichkeit, dass das Mädchen ebenso unbewusst auf Fähigkeiten zugreifen konnte, die erheblich gefährlicher waren.
„Was passiert, wenn sie beim nächsten Mal meine Telekinese übernimmt?“ Diesmal lag kein Spott in ihrer Stimme. „Bei mir funktioniert sie kontrolliert, weil ich seit Jahren weiß, wie viel Kraft ich wohin geben kann. Maisie weiß nicht einmal, dass sie überhaupt etwas übernimmt.“ Ein Schreckmoment konnte reichen. Eine zufallende Tür war harmlos. Ein Tisch weniger. Ein Mensch überhaupt nicht. Syrena wusste noch sehr genau, wie unberechenbar Kraft sein konnte, bevor Dosierung und Instinkt irgendwann ineinandergriffen. Und dafür brauchte sie nicht einmal bis in ihre Kindheit zurückzugehen. Der Magier in der Gasse heute Nacht war ein ziemlich passendes Beispiel gewesen: Sein Körper in ihrem Griff, ein winziger Fehler in der Kontrolle und das hässliche Ende einer Bewegung, die präzise hätte sein sollen. Ihre Lippen pressten sich zusammen. „Oder einen Fluch.“ Dieser Satz kam deutlich leiser von ihr. Ein zwölfjähriges Mädchen musste nicht einmal verstehen, was es tat, damit rohe Magie aus einer Reaktion eine Katastrophe machte.
„Und was genau hast du ihr eigentlich ins Ohr geflüstert?“ Sofort kehrte die Schärfe zurück. „Du flüsterst einem Kind, das offenbar deine Magie kopieren kann, keinen ‚coolen Trick‘ zu und lässt mich anschließend raten, was sie damit anstellen könnte.“ Dass er ihr nicht sein gesamtes magisches Repertoire offengelegt hatte, war eine Sache. Dass er Maisie bewusst irgendeinen Hinweis dazu gegeben hatte, eine andere. „Du konntest deine Empathie und die Tiermagie anschließend noch benutzen. Also scheint sie dir nichts vollständig wegzunehmen.“ Ihr Zeigefinger tippte einmal gegen die Armlehne. „Was ich wissen will, ist, ob sie das morgen noch kann, wenn du längst nicht mehr im Raum bist.“
Syrena rieb sich über die Stirn. Eine Antwort auf diese Fragen würden sie heute vermutlich ohnehin nicht mehr erhalten, jedenfalls keine, auf die sie sich guten Gewissens verlassen konnte. Dazu fehlten ihnen schlicht die nötigen Beobachtungen. Was ihr allerdings ganz und gar nicht gefiel, war die Vorstellung,
Syrena rieb sich über die Stirn. Eine Antwort auf diese Fragen würden sie heute vermutlich ohnehin nicht mehr erhalten, jedenfalls keine, auf die sie sich guten Gewissens verlassen konnte. Dazu fehlten ihnen schlicht die nötigen Beobachtungen. Und bis sie darüber mehr wussten, musste sich eben jeder von ihnen entsprechend zurückhalten.
„Bis wir wissen, was sie kopiert und wie lange sie es behält, zaubert in ihrer Nähe niemand aus Spaß.“ Ihr Ausdruck wurde süßlich. „Das gilt besonders für geheime ‚coole Tricks‘.“ Ausgerechnet sie musste sich nun Gedanken darüber machen, welche ihrer Fähigkeiten sie in Gegenwart eines Kindes besser nicht beiläufig demonstrierte. Unter anderen Umständen wäre das beinahe komisch gewesen.
„Und damit wären wir bei Punkt drei.“ Syrena lehnte sich vorsichtig zurück. „Sie kann nicht einfach noch länger hierbleiben.“ Antares mochte das nicht gefallen, aber daran änderte sich nichts. „Deine Waffen sind hübsch anzusehen, aber wenn Ashcrofts Männer diese Adresse finden, hast du hier mit Maisie praktisch keinen magischen Schutz.“ Syrena unterschätzte Ashcroft mittlerweile nicht mehr. Mächtige Männer hatten mächtige Freunde und überall ihre Augen und Ohren. „Er hat Männer, Kontakte und Geld. Dafür braucht niemand einen Resonanzzauber.“ Und wenn Maisies bloße Anwesenheit Schutzzauber schwächte oder ganz unterdrückte, war dieses Loft auf Dauer weniger Versteck als eine Adresse mit verschlossener Tür.
„Die Frau, von der ich gesprochen habe, heißt Dhakiya Magoro.“ Den Namen gab sie ihm deutlich bewusster als die übrigen Informationen. „Sie war meine Mentorin.“ Syrena verzog leicht den Mund. „Und sie gehört zu den sehr wenigen Menschen, denen ich Maisie überhaupt anvertrauen würde.“ Gerade deshalb folgte die nächste Information ohne Ausschmückung. „Sie lebt in Südamerika, in São Paulo.“ Sie stützte ihren Kopf auf die Hand ihrer gesunden Seite, denn er war im Laufe des Abends immer schwerer geworden. „Dhakiya kennt sich mit Magie aus, lässt sich nicht leicht einschüchtern und steht außerhalb von allem, was hier gerade um Maisie herumläuft. Vor allem wäre die Kleine dort bei jemandem, der versteht, was es bedeutet, wenn ihre Fähigkeiten plötzlich auf fremde Magie reagieren.“ Syrena sah kurz zum Schlafzimmer und seufzte unwillkürlich. „Wenn wir sie hierbehalten, sitzt sie in einer Wohnung, deren Schutz sie selbst schwächt. Das ist keine Lösung.“
Natürlich war damit noch längst nicht geklärt, wie sie Maisie überhaupt zu Dhakiya bringen sollten. Ein zwölfjähriges Mädchen konnte zwar betreut in ein Flugzeug steigen, doch niemand wusste, ob inzwischen bereits irgendwelche Behörden nach ihr suchten oder Ashcroft ihre Identität für weitere Nachforschungen benutzte. Eine offizielle Reise unter ihrem richtigen Namen kam für Syrena daher vorerst nicht infrage. Glücklicherweise gehörte die Beschaffung überzeugender Identitäten zu den Problemen, für die sich in ihrem beruflichen Umfeld verhältnismäßig unkompliziert Lösungen finden ließen.
„Wenn es dazu kommt, besorge ich ihr neue Papiere. Einen Ausweis, Reisedokumente, was immer nötig ist.“ Ein Hauch ihres üblichen Spotts kehrte zurück. „Einer der seltenen Vorteile davon, für die dunkle Seite zu arbeiten.“ Dass solche Papiere für sie bei ihrem Job bei Wolfram & Hart kein theoretisches Gedankenspiel waren, musste sie Lexington nicht erklären. Danach wurde sie wieder ernst. „Wenn ihre Eltern auftauchen, wenn sie sicher sind und wenn sie mit all dem nichts zu tun haben, müssen wir die Sache neu beurteilen.“ Dhakiya war ein Ausweg, solange sie nicht wussten, ob Maisie überhaupt zu ihren Eltern zurückkonnte, keine Entscheidung, die Syrena ihnen bereits abnahm. Die Hexe musterte ihn. „Ich erwarte nicht, dass du mir einfach glaubst.“ Das wäre zwischen ihnen beinahe lächerlich gewesen. „Morgen rufe ich Dhakiya an. Du kannst dabeisitzen und dir selbst ein Bild machen.“ Ihre Stimme war trotzig und sie verschränkte erneut ihre Arme vor der Brust. Hoffentlich schmeckte ihm sein blödes Bier.
„Und wenn du dich noch einmal selbst als die gute Seite der Macht bezeichnest, muss wohl eher ich mich übergeben.“ Seinen Versuch, daraus eine Frage ihres Egos zu machen, ließ sie unbeantwortet. Dafür hatte sie heute bereits genug Energie an sinnvolleren Stellen verbrannt.
Als Antares später tatsächlich die Hand nach der Münze ausstreckte und sie misstrauisch fragte, ob sie nun wirklich wollte, dass auch er sie prüfte, sah Syrena ihn an, als hätte er wissen wollen, ob Wasser nass war. „Ja, Lexington. Genau deshalb habe ich dich darum gebeten.“ Sie legte ihm die Münze auf die offene Hand und wartete. Als er sie ihr zurückgab und auch von seiner Seite nichts mehr gegen die vollständige Auflösung der Signatur sprach, verschwand das Stück Metall wieder in ihrer Tasche. Zwei voneinander unabhängige Prüfungen reichten ihr vorerst.
„Dann nimm das Stofftier.“ Na klar doch! Syrena nahm Emile entgegen und betrachtete das ramponierte Faultier. Lexington bekam das Kind, und sie durfte das Stofftier eskortieren. Ihre Karriere erreichte heute wirklich neue Höhen. Sie sagte nichts dazu, als Antares Maisie vorsichtig hochhob. Als er beim Aufstehen einen Ausfallschritt brauchte, wanderte ihre Aufmerksamkeit kurz von ihm zu dem schlafenden Mädchen. Meine Güte, hatte er selbst überhaupt noch genug Kraft in sich?! Immerhin fing er sich dann doch noch. Syrena folgte ihm ins Schlafzimmer, schlug die Decke zurück und trat beiseite, damit er Maisie ablegen konnte. Als sich das Mädchen beinahe sofort wieder zusammenrollte, zog Syrena vorsichtig die Decke über sie und legte Emile dicht an ihre Arme. Maisies Hand fand den abgewetzten Stoffkörper fast von selbst, die Finger schlossen sich darum, ohne dass sie davon richtig wach wurde.
Sie vergewisserte sich noch, dass Maisie weiterschlief, bevor sie das Schlafzimmerfenster verdunkelte, Antares ins Wohnzimmer folgte und die Tür leise hinter sich zuzog. Er hatte es sich inzwischen auf dem Sofa bequem gemacht, soweit man bei seinem Zustand davon sprechen konnte, die Bierflasche auf dem Oberschenkel, den Kopf zurückgelegt, die Augen geschlossen. Und kaum war Syrena wieder im Raum, erklärte er ihr, sie könne jetzt gehen. Das Angebot mit dem Taxi setzte dem Ganzen die passende Krone auf.
Die Hexe verschränkte demonstrativ ihre Arme vor ihrem Oberkörper. „Nein.“ Es kam völlig ruhig über ihre Lippen, auch, wenn sie über seine Unverfrorenheit wieder innerlich vor Empörung aufschrie. „Ich gehe, wenn ich fertig bin.“
Damit setzte sie sich in den Sessel gegenüber, lehnte sich ebenfalls nach hinten, strich sich mit einer Hand das Haar aus dem Gesicht und ließ für einen Moment erkennen, wie viel der Abend tatsächlich aus ihr herausgezogen hatte. Die Bewegung war langsamer als sonst, ihre Schultern sanken etwas tiefer, und unter ihren Augen zeichnete sich die Müdigkeit deutlicher ab, ehe sie ihre Haltung wieder ordnete. „Das bin ich nämlich noch nicht. Ich weiß ja, dass du stets nur von der Tapete bis zur Wand denkst, aber ich schaue auch auf die zukünftigen Tage der Kleinen.“ Sie hob drei Finger. „Drei Dinge. Erstens: Maisies Eltern. Zweitens: Was genau dieses Kind inzwischen mit fremder Magie anstellt. Und drittens: Wo sie ab morgen sein wird. Denn sie kann nicht länger hierbleiben. Ich denke, das weißt du selbst.“ Ihre Aufmerksamkeit streifte die Bierflasche. „Danach darfst du es noch einmal mit dem Taxi versuchen.“
Syrena ließ ihre Hand wieder sinken und betrachtete Antares. Sie hätte ebenfalls nichts dagegen gehabt, sich endlich zurückzuziehen, eine herrlich heiße Dusche zu nehmen, die verdammten Schusswunden ordentlich zu versorgen und anschließend für mindestens zwölf Stunden niemanden mehr sehen zu müssen. Aber anders als Lexington konnte sie sich nur schwer damit zufriedengeben, dass Maisie gerade friedlich im Nebenzimmer schlief. Denn dieses Mädchen hatte nach wie vor keine Ahnung, wo seine Eltern waren, und sie beide verfügten über erschreckend wenige Informationen, um daran etwas zu ändern.
„Wir rufen sie nicht einfach an und erzählen ihnen, wo Maisie sich befindet. Wir wissen immer noch nicht, weshalb sie verschwunden sind oder was inzwischen mit ihnen gemacht wurde. Oder wer sie vielleicht schon wegen der Kleinen überwacht.“ Syrena legte die unverletzte Hand auf die Armlehne. „Morgen, wenn Maisie wach ist, fragen wir sie, wie wir ihre Eltern erreichen können. Dann versuchen wir herauszufinden, wo sie stecken und ob sie in Sicherheit sind. Aber ganz gleich, mit wem wir sprechen: Wir verraten weder Maisies Aufenthaltsort noch, bei wem sie untergebracht ist.“ Sie neigte den Kopf leicht. „Oder hast du eine bessere Möglichkeit, herauszufinden, wo ihre Eltern stecken, ohne ihnen gleichzeitig Maisies Aufenthaltsort auf dem Silbertablett zu servieren?“
Ob Lexington dazu eine brauchbare Idee hatte, würde sich zeigen. Syrena war durchaus bereit, sich einen besseren Vorschlag anzuhören, sofern er tatsächlich einen zustande brachte. Allerdings beschäftigte sie noch etwas anderes, das sich ihrer Ansicht nach erheblich dringlicher entwickeln konnte als die Frage nach Maisies verschwundenen Eltern.
Ihre bisherigen Beobachtungen passten nämlich immer weniger zu der Annahme, dass das Mädchen lediglich fremde Magie unterdrückte. Und gerade, weil sie nicht wusste, nach welchen Regeln diese neue Fähigkeit funktionierte, behagte ihr die Angelegenheit überhaupt nicht.
„Empathie und Tierkontrolle sind zwei völlig verschiedene Fähigkeiten.“ Ihre Stimme wurde sachlicher. „Wenn Maisie nur eine einzelne Fähigkeit von dir übernommen hätte, wäre das schon bemerkenswert genug. Aber sie hat offenbar mindestens zwei unterschiedliche Teile deiner Magie benutzt.“ Syrena fixierte ihn. „Leiht sie sich eine Fähigkeit aus – oder bekommt sie Zugriff auf alles, was jemand in ihrer Nähe kann?“ Nicht die Taube und auch nicht Maisies überraschendes Gespür für Antares’ Traurigkeit waren das eigentliche Problem, sondern die Möglichkeit, dass das Mädchen ebenso unbewusst auf Fähigkeiten zugreifen konnte, die erheblich gefährlicher waren.
„Was passiert, wenn sie beim nächsten Mal meine Telekinese übernimmt?“ Diesmal lag kein Spott in ihrer Stimme. „Bei mir funktioniert sie kontrolliert, weil ich seit Jahren weiß, wie viel Kraft ich wohin geben kann. Maisie weiß nicht einmal, dass sie überhaupt etwas übernimmt.“ Ein Schreckmoment konnte reichen. Eine zufallende Tür war harmlos. Ein Tisch weniger. Ein Mensch überhaupt nicht. Syrena wusste noch sehr genau, wie unberechenbar Kraft sein konnte, bevor Dosierung und Instinkt irgendwann ineinandergriffen. Und dafür brauchte sie nicht einmal bis in ihre Kindheit zurückzugehen. Der Magier in der Gasse heute Nacht war ein ziemlich passendes Beispiel gewesen: Sein Körper in ihrem Griff, ein winziger Fehler in der Kontrolle und das hässliche Ende einer Bewegung, die präzise hätte sein sollen. Ihre Lippen pressten sich zusammen. „Oder einen Fluch.“ Dieser Satz kam deutlich leiser von ihr. Ein zwölfjähriges Mädchen musste nicht einmal verstehen, was es tat, damit rohe Magie aus einer Reaktion eine Katastrophe machte.
„Und was genau hast du ihr eigentlich ins Ohr geflüstert?“ Sofort kehrte die Schärfe zurück. „Du flüsterst einem Kind, das offenbar deine Magie kopieren kann, keinen ‚coolen Trick‘ zu und lässt mich anschließend raten, was sie damit anstellen könnte.“ Dass er ihr nicht sein gesamtes magisches Repertoire offengelegt hatte, war eine Sache. Dass er Maisie bewusst irgendeinen Hinweis dazu gegeben hatte, eine andere. „Du konntest deine Empathie und die Tiermagie anschließend noch benutzen. Also scheint sie dir nichts vollständig wegzunehmen.“ Ihr Zeigefinger tippte einmal gegen die Armlehne. „Was ich wissen will, ist, ob sie das morgen noch kann, wenn du längst nicht mehr im Raum bist.“
Syrena rieb sich über die Stirn. Eine Antwort auf diese Fragen würden sie heute vermutlich ohnehin nicht mehr erhalten, jedenfalls keine, auf die sie sich guten Gewissens verlassen konnte. Dazu fehlten ihnen schlicht die nötigen Beobachtungen. Was ihr allerdings ganz und gar nicht gefiel, war die Vorstellung,
Syrena rieb sich über die Stirn. Eine Antwort auf diese Fragen würden sie heute vermutlich ohnehin nicht mehr erhalten, jedenfalls keine, auf die sie sich guten Gewissens verlassen konnte. Dazu fehlten ihnen schlicht die nötigen Beobachtungen. Und bis sie darüber mehr wussten, musste sich eben jeder von ihnen entsprechend zurückhalten.
„Bis wir wissen, was sie kopiert und wie lange sie es behält, zaubert in ihrer Nähe niemand aus Spaß.“ Ihr Ausdruck wurde süßlich. „Das gilt besonders für geheime ‚coole Tricks‘.“ Ausgerechnet sie musste sich nun Gedanken darüber machen, welche ihrer Fähigkeiten sie in Gegenwart eines Kindes besser nicht beiläufig demonstrierte. Unter anderen Umständen wäre das beinahe komisch gewesen.
„Und damit wären wir bei Punkt drei.“ Syrena lehnte sich vorsichtig zurück. „Sie kann nicht einfach noch länger hierbleiben.“ Antares mochte das nicht gefallen, aber daran änderte sich nichts. „Deine Waffen sind hübsch anzusehen, aber wenn Ashcrofts Männer diese Adresse finden, hast du hier mit Maisie praktisch keinen magischen Schutz.“ Syrena unterschätzte Ashcroft mittlerweile nicht mehr. Mächtige Männer hatten mächtige Freunde und überall ihre Augen und Ohren. „Er hat Männer, Kontakte und Geld. Dafür braucht niemand einen Resonanzzauber.“ Und wenn Maisies bloße Anwesenheit Schutzzauber schwächte oder ganz unterdrückte, war dieses Loft auf Dauer weniger Versteck als eine Adresse mit verschlossener Tür.
„Die Frau, von der ich gesprochen habe, heißt Dhakiya Magoro.“ Den Namen gab sie ihm deutlich bewusster als die übrigen Informationen. „Sie war meine Mentorin.“ Syrena verzog leicht den Mund. „Und sie gehört zu den sehr wenigen Menschen, denen ich Maisie überhaupt anvertrauen würde.“ Gerade deshalb folgte die nächste Information ohne Ausschmückung. „Sie lebt in Südamerika, in São Paulo.“ Sie stützte ihren Kopf auf die Hand ihrer gesunden Seite, denn er war im Laufe des Abends immer schwerer geworden. „Dhakiya kennt sich mit Magie aus, lässt sich nicht leicht einschüchtern und steht außerhalb von allem, was hier gerade um Maisie herumläuft. Vor allem wäre die Kleine dort bei jemandem, der versteht, was es bedeutet, wenn ihre Fähigkeiten plötzlich auf fremde Magie reagieren.“ Syrena sah kurz zum Schlafzimmer und seufzte unwillkürlich. „Wenn wir sie hierbehalten, sitzt sie in einer Wohnung, deren Schutz sie selbst schwächt. Das ist keine Lösung.“
Natürlich war damit noch längst nicht geklärt, wie sie Maisie überhaupt zu Dhakiya bringen sollten. Ein zwölfjähriges Mädchen konnte zwar betreut in ein Flugzeug steigen, doch niemand wusste, ob inzwischen bereits irgendwelche Behörden nach ihr suchten oder Ashcroft ihre Identität für weitere Nachforschungen benutzte. Eine offizielle Reise unter ihrem richtigen Namen kam für Syrena daher vorerst nicht infrage. Glücklicherweise gehörte die Beschaffung überzeugender Identitäten zu den Problemen, für die sich in ihrem beruflichen Umfeld verhältnismäßig unkompliziert Lösungen finden ließen.
„Wenn es dazu kommt, besorge ich ihr neue Papiere. Einen Ausweis, Reisedokumente, was immer nötig ist.“ Ein Hauch ihres üblichen Spotts kehrte zurück. „Einer der seltenen Vorteile davon, für die dunkle Seite zu arbeiten.“ Dass solche Papiere für sie bei ihrem Job bei Wolfram & Hart kein theoretisches Gedankenspiel waren, musste sie Lexington nicht erklären. Danach wurde sie wieder ernst. „Wenn ihre Eltern auftauchen, wenn sie sicher sind und wenn sie mit all dem nichts zu tun haben, müssen wir die Sache neu beurteilen.“ Dhakiya war ein Ausweg, solange sie nicht wussten, ob Maisie überhaupt zu ihren Eltern zurückkonnte, keine Entscheidung, die Syrena ihnen bereits abnahm. Die Hexe musterte ihn. „Ich erwarte nicht, dass du mir einfach glaubst.“ Das wäre zwischen ihnen beinahe lächerlich gewesen. „Morgen rufe ich Dhakiya an. Du kannst dabeisitzen und dir selbst ein Bild machen.“ Ihre Stimme war trotzig und sie verschränkte erneut ihre Arme vor der Brust. Hoffentlich schmeckte ihm sein blödes Bier.

