27.09.2026, 12:11
„Ja, Lexington. Genau deshalb habe ich dir eben etwas von physischer Matrix und magischer Bindung erzählt. Weil mein eigentlicher Plan die Toilettenspülung war.“ Syrena sah ihn trocken an. Hatte er in der Schule auch schon immer so schlecht zugehört? Wenn ja, dann war seine berufliche Laufbahn, die er offenbar eingeschlagen hatte, kein Wunder. Dass er anschließend darauf herumritt, wie sie nach dem Entfernen der Kugeln ausgesehen hatte, traf allerdings einen empfindlicheren Punkt. Der Mistkerl hatte offenbar genauer hingesehen, als ihr lieb war. Und die Hexe wusste, dass sie gerade nicht makellos aussah. Aber hatte er echt keine andere, verbale Waffe auf Lager? „Und trotzdem sind beide Kugeln draußen.“ Sie lächelte ihn triumphierend an, doch in ihren Augen lag wieder die übliche Kälte.
Als Antares sich danach provozierend an ihr vorbeilehnte und seine Hand dabei einen Hauch zu dicht an ihrer Hüfte vorbeiführte, bemerkte Syrena es sehr wohl. Ebenso schnell erkannte sie, dass er vermutlich genau darauf gehofft hatte. Also biss sie sich auf die Zunge und schenkte ihm weder einen Kommentar noch auch nur den Gefallen einer sichtbaren Reaktion. Wenn er testen wollte, ob sie nach seiner letzten brillanten Idee noch empfindlich auf Nähe reagierte, durfte er sich an ihrer Gleichgültigkeit verschlucken und dann ersticken.
Die Erklärung zur Taube war schwerer zu ignorieren. Er schien wirklich verdammt naiv zu sein. „Wie beruhigend. Dann werden wir also nicht beobachtet. Stattdessen eignet sich ein zwölfjähriges Mädchen unbewusst fremde Magie an, die es offenbar noch gar nicht kontrollieren kann. Dann ist ja alles gut.“ Ihre Stimme troff vor Sarkasmus, während sie seufzte und den Kopf schüttelte.
Fast gleichzeitig senkte sich die Jalousie herab, und Maisies irritiertes Blinzeln verriet, dass damit auch etwas anderes verschwunden war. Die Verbindung bestand also nicht unabhängig von ihrer Wahrnehmung weiter. Entweder spielte Sichtkontakt eine Rolle oder zumindest die bewusste Konzentration auf das Tier. Für eine feste Regel war ein einziger Versuch lächerlich wenig, doch Syrena merkte es sich. Immerhin würde sie ihrer Mentorin Dhakiya berichten, was die Kleine so drauf hatte – bewusst oder unbewusst, denn wenn sie tatsächlich bei ihr sein konnte, war so etwas das wesentlich Wichtige.
Dann erklärte Antares dem Mädchen auch noch, dass Maisies erstaunlich sichere Einschätzung seiner Gefühle offenbar keineswegs bloß kindliche Menschenkenntnis gewesen war. Sie hatte seine Empathie übernommen. Zumindest teilweise. Syrenas Gesicht verriet wenig, doch Maisies frühere Bemerkung bekam mit einem Mal ein anderes Gewicht. Die Kleine hatte gesagt, er sei traurig gewesen, als er von Amy erzählt hatte. Bis eben hatte Syrena diese Aussage problemlos als Beobachtung eines zwölfjährigen Kindes einordnen können. Jetzt sah das anders aus. Trauer war noch immer kein Beweis für Unschuld. Schuldgefühle machten Menschen schließlich ebenfalls traurig! Das änderte nichts daran, was er Amy angetan hatte, gar nichts! Es bedeutete lediglich, dass Maisie sich seine Reaktion vermutlich nicht eingebildet hatte.
Als wäre das nicht genug, stellte sich nebenbei heraus, dass Lexington sich mit dem Geist von Tieren verbinden und deren Verhalten beeinflussen konnte. Syrena sah ihn kurz an. „Dein Lebenslauf wird mit jeder Stunde unseriöser.“ Mehr Aufmerksamkeit gönnte sie dieser Enthüllung zunächst nicht. Dass er sich daraufhin auch noch zu Maisie herunterbeugte und ihr etwas ins Ohr flüsterte, was bei der Kleinen prompt ein begeistertes „Woah, cool!“ auslöste, machte Syrena allerdings augenblicklich misstrauisch. „Was genau hast du ihr gerade erzählt?“ Ihre Stimme war scharf, denn sie vertraute ihm deshalb noch lange nicht. Schon gar nicht, wenn er einer Zwölfjährigen Möglichkeiten einer Magie erklärte, deren Regeln sie selbst noch gar nicht richtig verstand.
Ein weiterer, unangenehmer Gedanke folgte sofort. Wenn Maisie sich Antares’ Empathie und seine Verbindung zu Tieren aneignen konnte, wo lag dann die Grenze? Syrenas Telekinese war wesentlich weniger harmlos, sobald jemand nicht wusste, wie viel Kraft tatsächlich dahintersteckte, das wusste sie aus ihrer eigenen Kindheit noch zu gut. Von ihren Flüchen ganz zu schweigen. Sie sagte davon jedoch vorerst nichts, denn Maisies Augen hatten sich seit Minuten zum ersten Mal nicht vor Angst geweitet, sondern vor echter Begeisterung, und überraschenderweise brachte Syrena es nicht über sich, ihr genau diesen Moment wieder kaputtzureden. Wenigstens sah das Mädchen für einen Augenblick nicht mehr aus, als hätte man ihr gerade erklärt, dass die halbe Unterwelt hinter ihr her war.
Als Antares vorschlug, Maisie könne fernsehen, während sie beide sich um die Münze kümmerten, nickte die Hexe nur knapp. „Wir sind gleich wieder da. Wenn irgendetwas Merkwürdiges passiert, ruf nach uns.“ Sie machte bereits einen Schritt Richtung Bad, hielt noch einmal inne und sah über die Schulter. „Und heute bitte keine weiteren Tiere.“ Die Worte waren ernst genug gemeint, doch diesmal begleitete sie tatsächlich ein kurzes Augenzwinkern.
Kaum fiel die Badezimmertür ins Schloss, antwortete ihre Magie wieder auf sie. Rot flackerte über ihre Fingerspitzen, und Syrena sog beinahe genüsslich die Luft ein. Für sie fühlte sich die zurückkehrende Magie an, als gehorchte ihr endlich wieder ein fehlender Teil des eigenen Körpers. Sie seufzte fast schon selig, als hätte sie sich gerade aus einem einengenden Kokon befreit. Bei Antares dagegen verdunkelte sich der Stein an seiner Kette, während das Echo ihres Fluches zurückkehrte. Gut so, da war er wieder. Syrena registrierte seinen Gesichtsausdruck, dann seinen Blick und Syrenas Mundwinkel hob sich mit unverhohlener Genugtuung, ohne etwas zu erwidern. Dass es ihm wieder schlechter ging, war für den Moment Befriedigung genug.
Auf sein „Also, wie willst du es anstellen?“ folgte dafür ein ungläubiger Ausdruck auf ihrem Gesicht. „Hast du mir beim Essen überhaupt zugehört?“ Sie drehte sich zum Waschbecken und zog die Münze aus ihrer Tasche. „Physische Matrix zerstören. Prüfen, ob Maisies Signatur bestehen bleibt. Falls ja, löse ich die magische Bindung aus dem Material.“ Ihren Vortrag würde sie ihm nicht ein drittes Mal halten. Wenn er schon so überzeugt davon war, dass sie seine Hilfe brauchte, hatte er hoffentlich genug aufgepasst. „Also erleuchte mich. Wofür genau brauche ich dich?“ Es war eher eine rhetorische Frage, denn sie wusste es bereits, wollte aber herausfinden, ob es Lexington ebenso wusste… und wie er es ihr sagen würde. Die Hexe gab es nur ungern zu, wenn ihre Macht nicht vollständig gehorchte, und auch hier im Bad lag Maisies Einfluss noch immer wie ein störender Widerstand auf ihrer Magie. Und sie hasste es, sie hasste sich selbst gerade dafür, ließ es sich jedoch nicht anmerken.
„Du hast vier Jahre damit verbracht, meinen Fluch mit einem Gegenbann auszubremsen.“ Allein ihm diese Kompetenz offen zuzugestehen, fühlte sich beinahe unanständig an. „Wenn hier außer mir jemand merken sollte, dass sich eine fremde Bindung gegen ihre Auflösung wehrt, dann vermutlich du.“ Sie hob einen Finger und kam sich in dem Moment wirklich wie eine Lehrerin vor, die ihren Schüler in die Schranken wies. „Gewöhn dich nicht daran.“ Ausgerechnet die Jahre, in denen Lexington versucht hatte, ihre Magie auszutricksen, könnten ihn jetzt nützlich machen. Und die Hexe verabscheute diesen Gedanken.
Syrena legte die Münze nicht ab. Stattdessen öffnete sie die Finger, und das Metall blieb wenige Zentimeter über ihrer Handfläche in der Luft stehen. Ein erster roter Faden löste sich von ihren Fingerspitzen, dann ein zweiter. Sie legten sich hauchdünn um den Rand, tasteten über die Prägung und verschwanden beinahe im matten Glanz des Metalls. Syrena richtete sich etwas gerader auf und schloss die Augen. Nicht, um Antares auszublenden – obwohl das ein angenehmer Nebeneffekt gewesen wäre –, sondern weil sich fremde Resonanzen ohne visuelle Ablenkung sauberer voneinander trennen ließen.
Für einige Atemzüge gab es nur die Münze und die Magie darin. Syrena suchte nicht nach bloßer Stärke, sondern nach Struktur: Nach dem Punkt, an dem Maisies Signatur an das Metall gebunden worden war, nach einem Kern, nach Abzweigungen und nach allem, was darauf hindeutete, dass der Zauber auf Manipulation reagieren konnte.
Die roten Fäden verdichteten sich, lösten sich wieder und glitten an anderer Stelle tiefer. Es hätte beinahe etwas Meditatives gehabt, wäre da nicht die Erkenntnis gewesen, wie viel Konzentration und auch Kraft sie dafür inzwischen brauchte. Zwei Schussverletzungen, Blutverlust, der Vincire-Bann, mehrere größere Zauber und zuletzt das telekinetische Entfernen der Kugeln ließen sich offenbar nicht vollständig mit Arroganz kompensieren. Welch bodenlose Frechheit ihres eigenen Körpers!
Nach einigen Sekunden öffnete Syrena die Augen wieder. „Kannst du die Signatur ebenfalls lesen?“ Mit einer kleinen Bewegung ließ sie die Münze langsam zwischen ihnen rotieren. „Wenn ja, kontrollierst du nachher unabhängig von mir, ob etwas zurückbleibt.“ Dann deutete sie auf das Metall. „Und du setzt den Gegenbann, bevor ich die Bindung löse. Und vor allem: Nicht zerstören, sonst haben wir hinterher zwanzig Einzelteile, auf der die Signatur immer noch verteilt ist. Nur gegenhalten. Wenn sie versucht, sich neu zu verankern, hältst du sie offen, bis ich sie durchtrennt habe.“ Es wäre eine Sisyphusarbeit, diese ganzen Splitter einzeln von der Signatur zu befreien und die Hexe hoffte, dass Antares zumindest so fähig war, dazwischen unterscheiden zu können.
Damit wäre die Rollenverteilung technisch geklärt gewesen. Nur blieb ein Problem, das Syrena deutlich weniger gefiel als jede magische Sicherung in dieser Münze. Für das eigentliche Herauslösen brauchte sie nicht nur Präzision, sondern Kraft. Mehr, als sie nach diesem Abend noch zuverlässig zur Verfügung hatte. Ihr Blick glitt von der Münze zu Antares und anschließend demonstrativ zu seinen Händen. Schon die Richtung ihres eigenen Gedankens war widerwärtig genug.
Sie atmete langsam durch die Nase aus. „Ich brauche zusätzliche Kraft.“ Syrenas Mund verzog sich bereits, noch bevor sie den nächsten Teil aussprach. „Über direkten Kontakt.“
Seine Hände auf ihren. Freiwillig zugelassen und vermutlich länger als jene zwei Sekunden, die sie an ihrem Kinn verweilt hatten und die Syrena grundsätzlich bereits für zu viel hielt. Sie bekam für diesen Auftrag wirklich viel zu wenig Geld. Vielleicht konnte sie sich anschließend direkt in einen Vulkan werfen oder sich bis zum Ende ihrer Tage die Hände wundschrubben. Beides erschien plötzlich erstaunlich attraktiv.
Doch diesmal entschied sie, wie er sie berührte. Sie bestimmte wo, weshalb und wann es wieder endete. Sollte dieser verlauste Kater auch nur auf die Idee kommen, daraus irgendeine seiner Provokationen zu machen, würde sie den Kontakt sofort abbrechen. Und dann konnte er Maisie erklären, weshalb ihre einzige bekannte Spur in Sicherheit womöglich weiterhin als magischer Wegweiser funktionierte.
Syrena hob langsam beide Hände an und sah Antares an, als wäre bereits die bloße Vorstellung eine persönliche Zumutung. „Du fasst meine Hände an. Mehr nicht. Ich dachte, ich sage es lieber vorher, bevor deine Fantasie wieder mit dir durchgeht.“ Ein weiterer Atemzug folgte, als müsste sie sich für die nächsten Worte tatsächlich zwingen. Ihr Kiefer spannte sich an. Sie hasste diesen Satz jetzt schon. „Ich brauche… deine Hände.“ Ihre Miene verriet deutlich, wie wenig Freude ihr das bereitete. „Keine Sorge, die Magie bleibt nicht in mir. Sie fließt lediglich durch mich hindurch.“ Worauf hatte sie sich da gerade bloß eingelassen? Wenn sie Dhakiya morgen früh anrief, würde sie sogleich um einen Vergessens-Zauber bitten. All das hier gehörte einfach nicht in ihre Erinnerung.
Als Antares sich danach provozierend an ihr vorbeilehnte und seine Hand dabei einen Hauch zu dicht an ihrer Hüfte vorbeiführte, bemerkte Syrena es sehr wohl. Ebenso schnell erkannte sie, dass er vermutlich genau darauf gehofft hatte. Also biss sie sich auf die Zunge und schenkte ihm weder einen Kommentar noch auch nur den Gefallen einer sichtbaren Reaktion. Wenn er testen wollte, ob sie nach seiner letzten brillanten Idee noch empfindlich auf Nähe reagierte, durfte er sich an ihrer Gleichgültigkeit verschlucken und dann ersticken.
Die Erklärung zur Taube war schwerer zu ignorieren. Er schien wirklich verdammt naiv zu sein. „Wie beruhigend. Dann werden wir also nicht beobachtet. Stattdessen eignet sich ein zwölfjähriges Mädchen unbewusst fremde Magie an, die es offenbar noch gar nicht kontrollieren kann. Dann ist ja alles gut.“ Ihre Stimme troff vor Sarkasmus, während sie seufzte und den Kopf schüttelte.
Fast gleichzeitig senkte sich die Jalousie herab, und Maisies irritiertes Blinzeln verriet, dass damit auch etwas anderes verschwunden war. Die Verbindung bestand also nicht unabhängig von ihrer Wahrnehmung weiter. Entweder spielte Sichtkontakt eine Rolle oder zumindest die bewusste Konzentration auf das Tier. Für eine feste Regel war ein einziger Versuch lächerlich wenig, doch Syrena merkte es sich. Immerhin würde sie ihrer Mentorin Dhakiya berichten, was die Kleine so drauf hatte – bewusst oder unbewusst, denn wenn sie tatsächlich bei ihr sein konnte, war so etwas das wesentlich Wichtige.
Dann erklärte Antares dem Mädchen auch noch, dass Maisies erstaunlich sichere Einschätzung seiner Gefühle offenbar keineswegs bloß kindliche Menschenkenntnis gewesen war. Sie hatte seine Empathie übernommen. Zumindest teilweise. Syrenas Gesicht verriet wenig, doch Maisies frühere Bemerkung bekam mit einem Mal ein anderes Gewicht. Die Kleine hatte gesagt, er sei traurig gewesen, als er von Amy erzählt hatte. Bis eben hatte Syrena diese Aussage problemlos als Beobachtung eines zwölfjährigen Kindes einordnen können. Jetzt sah das anders aus. Trauer war noch immer kein Beweis für Unschuld. Schuldgefühle machten Menschen schließlich ebenfalls traurig! Das änderte nichts daran, was er Amy angetan hatte, gar nichts! Es bedeutete lediglich, dass Maisie sich seine Reaktion vermutlich nicht eingebildet hatte.
Als wäre das nicht genug, stellte sich nebenbei heraus, dass Lexington sich mit dem Geist von Tieren verbinden und deren Verhalten beeinflussen konnte. Syrena sah ihn kurz an. „Dein Lebenslauf wird mit jeder Stunde unseriöser.“ Mehr Aufmerksamkeit gönnte sie dieser Enthüllung zunächst nicht. Dass er sich daraufhin auch noch zu Maisie herunterbeugte und ihr etwas ins Ohr flüsterte, was bei der Kleinen prompt ein begeistertes „Woah, cool!“ auslöste, machte Syrena allerdings augenblicklich misstrauisch. „Was genau hast du ihr gerade erzählt?“ Ihre Stimme war scharf, denn sie vertraute ihm deshalb noch lange nicht. Schon gar nicht, wenn er einer Zwölfjährigen Möglichkeiten einer Magie erklärte, deren Regeln sie selbst noch gar nicht richtig verstand.
Ein weiterer, unangenehmer Gedanke folgte sofort. Wenn Maisie sich Antares’ Empathie und seine Verbindung zu Tieren aneignen konnte, wo lag dann die Grenze? Syrenas Telekinese war wesentlich weniger harmlos, sobald jemand nicht wusste, wie viel Kraft tatsächlich dahintersteckte, das wusste sie aus ihrer eigenen Kindheit noch zu gut. Von ihren Flüchen ganz zu schweigen. Sie sagte davon jedoch vorerst nichts, denn Maisies Augen hatten sich seit Minuten zum ersten Mal nicht vor Angst geweitet, sondern vor echter Begeisterung, und überraschenderweise brachte Syrena es nicht über sich, ihr genau diesen Moment wieder kaputtzureden. Wenigstens sah das Mädchen für einen Augenblick nicht mehr aus, als hätte man ihr gerade erklärt, dass die halbe Unterwelt hinter ihr her war.
Als Antares vorschlug, Maisie könne fernsehen, während sie beide sich um die Münze kümmerten, nickte die Hexe nur knapp. „Wir sind gleich wieder da. Wenn irgendetwas Merkwürdiges passiert, ruf nach uns.“ Sie machte bereits einen Schritt Richtung Bad, hielt noch einmal inne und sah über die Schulter. „Und heute bitte keine weiteren Tiere.“ Die Worte waren ernst genug gemeint, doch diesmal begleitete sie tatsächlich ein kurzes Augenzwinkern.
Kaum fiel die Badezimmertür ins Schloss, antwortete ihre Magie wieder auf sie. Rot flackerte über ihre Fingerspitzen, und Syrena sog beinahe genüsslich die Luft ein. Für sie fühlte sich die zurückkehrende Magie an, als gehorchte ihr endlich wieder ein fehlender Teil des eigenen Körpers. Sie seufzte fast schon selig, als hätte sie sich gerade aus einem einengenden Kokon befreit. Bei Antares dagegen verdunkelte sich der Stein an seiner Kette, während das Echo ihres Fluches zurückkehrte. Gut so, da war er wieder. Syrena registrierte seinen Gesichtsausdruck, dann seinen Blick und Syrenas Mundwinkel hob sich mit unverhohlener Genugtuung, ohne etwas zu erwidern. Dass es ihm wieder schlechter ging, war für den Moment Befriedigung genug.
Auf sein „Also, wie willst du es anstellen?“ folgte dafür ein ungläubiger Ausdruck auf ihrem Gesicht. „Hast du mir beim Essen überhaupt zugehört?“ Sie drehte sich zum Waschbecken und zog die Münze aus ihrer Tasche. „Physische Matrix zerstören. Prüfen, ob Maisies Signatur bestehen bleibt. Falls ja, löse ich die magische Bindung aus dem Material.“ Ihren Vortrag würde sie ihm nicht ein drittes Mal halten. Wenn er schon so überzeugt davon war, dass sie seine Hilfe brauchte, hatte er hoffentlich genug aufgepasst. „Also erleuchte mich. Wofür genau brauche ich dich?“ Es war eher eine rhetorische Frage, denn sie wusste es bereits, wollte aber herausfinden, ob es Lexington ebenso wusste… und wie er es ihr sagen würde. Die Hexe gab es nur ungern zu, wenn ihre Macht nicht vollständig gehorchte, und auch hier im Bad lag Maisies Einfluss noch immer wie ein störender Widerstand auf ihrer Magie. Und sie hasste es, sie hasste sich selbst gerade dafür, ließ es sich jedoch nicht anmerken.
„Du hast vier Jahre damit verbracht, meinen Fluch mit einem Gegenbann auszubremsen.“ Allein ihm diese Kompetenz offen zuzugestehen, fühlte sich beinahe unanständig an. „Wenn hier außer mir jemand merken sollte, dass sich eine fremde Bindung gegen ihre Auflösung wehrt, dann vermutlich du.“ Sie hob einen Finger und kam sich in dem Moment wirklich wie eine Lehrerin vor, die ihren Schüler in die Schranken wies. „Gewöhn dich nicht daran.“ Ausgerechnet die Jahre, in denen Lexington versucht hatte, ihre Magie auszutricksen, könnten ihn jetzt nützlich machen. Und die Hexe verabscheute diesen Gedanken.
Syrena legte die Münze nicht ab. Stattdessen öffnete sie die Finger, und das Metall blieb wenige Zentimeter über ihrer Handfläche in der Luft stehen. Ein erster roter Faden löste sich von ihren Fingerspitzen, dann ein zweiter. Sie legten sich hauchdünn um den Rand, tasteten über die Prägung und verschwanden beinahe im matten Glanz des Metalls. Syrena richtete sich etwas gerader auf und schloss die Augen. Nicht, um Antares auszublenden – obwohl das ein angenehmer Nebeneffekt gewesen wäre –, sondern weil sich fremde Resonanzen ohne visuelle Ablenkung sauberer voneinander trennen ließen.
Für einige Atemzüge gab es nur die Münze und die Magie darin. Syrena suchte nicht nach bloßer Stärke, sondern nach Struktur: Nach dem Punkt, an dem Maisies Signatur an das Metall gebunden worden war, nach einem Kern, nach Abzweigungen und nach allem, was darauf hindeutete, dass der Zauber auf Manipulation reagieren konnte.
Die roten Fäden verdichteten sich, lösten sich wieder und glitten an anderer Stelle tiefer. Es hätte beinahe etwas Meditatives gehabt, wäre da nicht die Erkenntnis gewesen, wie viel Konzentration und auch Kraft sie dafür inzwischen brauchte. Zwei Schussverletzungen, Blutverlust, der Vincire-Bann, mehrere größere Zauber und zuletzt das telekinetische Entfernen der Kugeln ließen sich offenbar nicht vollständig mit Arroganz kompensieren. Welch bodenlose Frechheit ihres eigenen Körpers!
Nach einigen Sekunden öffnete Syrena die Augen wieder. „Kannst du die Signatur ebenfalls lesen?“ Mit einer kleinen Bewegung ließ sie die Münze langsam zwischen ihnen rotieren. „Wenn ja, kontrollierst du nachher unabhängig von mir, ob etwas zurückbleibt.“ Dann deutete sie auf das Metall. „Und du setzt den Gegenbann, bevor ich die Bindung löse. Und vor allem: Nicht zerstören, sonst haben wir hinterher zwanzig Einzelteile, auf der die Signatur immer noch verteilt ist. Nur gegenhalten. Wenn sie versucht, sich neu zu verankern, hältst du sie offen, bis ich sie durchtrennt habe.“ Es wäre eine Sisyphusarbeit, diese ganzen Splitter einzeln von der Signatur zu befreien und die Hexe hoffte, dass Antares zumindest so fähig war, dazwischen unterscheiden zu können.
Damit wäre die Rollenverteilung technisch geklärt gewesen. Nur blieb ein Problem, das Syrena deutlich weniger gefiel als jede magische Sicherung in dieser Münze. Für das eigentliche Herauslösen brauchte sie nicht nur Präzision, sondern Kraft. Mehr, als sie nach diesem Abend noch zuverlässig zur Verfügung hatte. Ihr Blick glitt von der Münze zu Antares und anschließend demonstrativ zu seinen Händen. Schon die Richtung ihres eigenen Gedankens war widerwärtig genug.
Sie atmete langsam durch die Nase aus. „Ich brauche zusätzliche Kraft.“ Syrenas Mund verzog sich bereits, noch bevor sie den nächsten Teil aussprach. „Über direkten Kontakt.“
Seine Hände auf ihren. Freiwillig zugelassen und vermutlich länger als jene zwei Sekunden, die sie an ihrem Kinn verweilt hatten und die Syrena grundsätzlich bereits für zu viel hielt. Sie bekam für diesen Auftrag wirklich viel zu wenig Geld. Vielleicht konnte sie sich anschließend direkt in einen Vulkan werfen oder sich bis zum Ende ihrer Tage die Hände wundschrubben. Beides erschien plötzlich erstaunlich attraktiv.
Doch diesmal entschied sie, wie er sie berührte. Sie bestimmte wo, weshalb und wann es wieder endete. Sollte dieser verlauste Kater auch nur auf die Idee kommen, daraus irgendeine seiner Provokationen zu machen, würde sie den Kontakt sofort abbrechen. Und dann konnte er Maisie erklären, weshalb ihre einzige bekannte Spur in Sicherheit womöglich weiterhin als magischer Wegweiser funktionierte.
Syrena hob langsam beide Hände an und sah Antares an, als wäre bereits die bloße Vorstellung eine persönliche Zumutung. „Du fasst meine Hände an. Mehr nicht. Ich dachte, ich sage es lieber vorher, bevor deine Fantasie wieder mit dir durchgeht.“ Ein weiterer Atemzug folgte, als müsste sie sich für die nächsten Worte tatsächlich zwingen. Ihr Kiefer spannte sich an. Sie hasste diesen Satz jetzt schon. „Ich brauche… deine Hände.“ Ihre Miene verriet deutlich, wie wenig Freude ihr das bereitete. „Keine Sorge, die Magie bleibt nicht in mir. Sie fließt lediglich durch mich hindurch.“ Worauf hatte sie sich da gerade bloß eingelassen? Wenn sie Dhakiya morgen früh anrief, würde sie sogleich um einen Vergessens-Zauber bitten. All das hier gehörte einfach nicht in ihre Erinnerung.

