21.09.2026, 19:52
Ach kommt schon! Was sollte wieder diese Augenbrauen-Kirmes?! Was war denn die Alternative? Dem Mädchen einfach nichts zu sagen?! Hätte man sie in dem Alter so mit Samthandschuhen angepackt, wäre aus ihr nicht mal annähernd eine so erfolgreiche Pianistin und Hexe geworden! Natürlich entging Syrena auch Maisies Reaktion auf ihre eigene Erklärung nicht. Das Mädchen hatte Emile wieder enger an sich gezogen, die Nudelbox auf ihren Knien kaum noch beachtet und wirkte mit jeder weiteren nüchternen Information ein bisschen kleiner. Großartig. Einmal sprach man mit einem Kind so, wie man mit jedem vernünftigen Erwachsenen sprechen würde, und schon sah es aus, als hätte man ihm persönlich den Weltuntergang angekündigt. Syrena seufzte, verzog kaum merklich den Mund und warf Antares lediglich ein „Spar dir den Blick“ zu. Leider war ihr vollkommen klar, was er damit hatte sagen wollen – und ja, es war nicht kindgerecht gewesen, wie sie mit ihr gesprochen hatte. Doch war es sinnvoller, sie in Watte zu packen, auf dass sie möglichst wenig widerstandsfähig wurde? Tate man ihr damit schlussendlich einen Gefallen? Nein, das fand die Hexe nicht. Dennoch schloss sie für einen Bruchteil ihre Augen um sich noch einmal zu sammeln und ihr ihre Gedanken nicht eins zu eins so um die Ohren zu haben.
„Du musst heute nicht alles davon verstehen.“ Ihre Stimme blieb fest, verlor aber etwas von jener kühlen Sachlichkeit, mit der sie normalerweise Vertragsklauseln oder Risiken auseinandernahm. „Wichtig ist nur, dass wir nicht zulassen, dass diese Leute dich bekommen.“ Das war einfacher, konkreter. Offenbar weniger geeignet, einem zwölfjährigen Mädchen den Appetit endgültig zu verderben.
Dass Antares sie anschließend schon wieder als Maisies Freundin bezeichnete, nahm die Hexe nur noch nebenbei wahr. Sie wusste mittlerweile, dasss er dieses Wort inzwischen eindeutig vorsätzlich benutzte. Normalerweise hätte sie den Unsinn augenblicklich korrigiert, doch diesmal schwieg sie. Maisie war ohnehin verunsichert genug und hing längst mit einer Hartnäckigkeit an ihr, die Syrena noch immer nicht verstand. Also bekam Antares lediglich einen schmalen Blick.
Dann hob sich einer ihrer Mundwinkel. „Wo wir gerade bei Freundinnen sind: Du schuldest Maisie übrigens noch eine Erklärung.“ Sie nahm einen weiteren Bissen und sah erst danach scheinbar beiläufig zu dem Mädchen. „Über Amy.“ Maisie blinzelte. „Er hat es mir schon erzählt.“ Syrenas Stäbchen verharrten einen Moment über der Box. Nur einen Herzschlag lang, doch genug, dass der kleine Triumph, auf den sie sich bereits gefreut hatte, abrupt verpuffte. Verdammt, sie war zu lange im Bad gewesen. Dieser verfluchte Bastard… was hatte er ihr erzählt? Langsam hob sie den Blick zu Antares. „So, hat er das?“ Die Süffisanz war verschwunden. Dafür trat etwas wesentlich Aufmerksameres an ihre Stelle. Er war dem Thema also immerhin nicht ausgewichen. „Und was genau hat er dir erzählt?“ Natürlich fragte sie Maisie und nicht ihn.
Das Mädchen sah kurz zu Antares, dann wieder zu ihr. „Dass Amy seine Freundin war. Und dass er sie sehr gerne mochte.“ Bereits dabei spannte sich Syrenas Kiefer leicht an. Maisie sprach weiter. „Und dass sie in Gefahr war. So wie ich.“ Die Aufmerksamkeit der Hexe schärfte sich mehr. „Er wollte sie beschützen. Aber es hat nicht geklappt.“ Bitte was?! Das hatte er ihr nicht erzählt! Er, dessen Schuld es gewesen war, dass sich ihre Cousine vor Trauer, Selbstvorwürfen und Gram irgendwann in ihrer eigenen Magie aufgelöst hatte?! Innerlich zählte Syrena bis zehn, was ihr gerade unglaublich schwerfiel. Doch es half ihr, ihm zumindest nicht sofort an die Gurgel zu springen.
„Beschützen?“ Das Wort kam leise, fast gefährlich ruhig. Für einen Augenblick war das Essen vergessen. Syrenas Blick ruhte vollständig auf Antares. Das war also seine Version. Nicht Betrug. Nicht Amy, die ihn mit einer anderen Frau erwischt hatte. Nicht der Schmerz, den er ihrer Cousine zugefügt hatte, nein. Offenbar hatte er sie beschützen wollen. Wie bequem und feige konnte man eigentlich sein?
„Eine bemerkenswert großzügige Auslegung dessen, was damals passiert ist.“ Sy schnaubte und nahm wieder einen Bissen, auf dass nicht noch mehr aus ihr herausplatzte.
Maisie zog die Brauen zusammen. „Aber er war traurig, als er davon erzählt hat.“ Syrenas Blick hob sich wieder zu ihr, während sie sich noch über ihre Nudel-Box gebeugt hatte und langsam kaut. Die Wut galt nicht Maisie, und genau deshalb zwang sie ihre Stimme ruhig zu bleiben. Langsam schluckte sie das Essen, was nicht annähernd etwas mit Haute Cuisine zu tun hatte, herunter.
„Man kann etwas bereuen und trotzdem dafür verantwortlich sein.“ Daraufhin erklang ein trockenes Knacken und die Hexe sah hinunter. Die beiden Essstäbchen waren in ihrer Hand mittig gebrochen. Für einige Sekunden betrachtete sie die zwei nutzlosen Hälften, bevor sie sie sehr kontrolliert auf den Rand der Box legte. Danach sah sie wieder zu Antares und ihr Blick sprach Bände. Darüber sprechen wir später. Dass sie überhaupt darüber sprechen würden, stand bereits fest. Seine Formulierung hatte sich in ihrem Kopf festgesetzt, ob sie wollte oder nicht. Ich wollte sie beschützen. Sie glaubte ihm kein Wort. Trotzdem war es das erste Mal, dass seine eigene Darstellung dessen, was mit Amy geschehen war, nicht vollständig mit dem Bild übereinstimmte, das Syrena seit Jahren von ihm hatte. Nur machte eine andere Version sie noch lange nicht wahr. Vielleicht brauchte Lexington inzwischen einfach eine Geschichte, in der er selbst weniger erbärmlich dastand. Und allein das reichte, um ihre Wut noch unangenehmer zu machen.
Seine Frage, was nach dieser Nacht geschehen sollte, brachte sie zurück zu etwas, das sich wenigstens lösen ließ, ohne vier Jahre alte Wunden aufzureißen. „Dass sie hier nicht länger bleiben kann, ist offensichtlich.“ Ashcroft hatte Mittel besessen, Maisie zu finden. Niemand konnte wissen, ob die Resonanzmünze das einzige davon gewesen war. Vermutlich wäre es sogar ausgesprochen naiv, davon auszugehen. Dann sagte Antares, Maisie sei nicht das erste Kind, das sie aus diesem Schmugglerring befreiten.
Syrena hob langsam den Kopf. „Wir?“ Mehr sagte sie zunächst nicht. Fügten sich die bisherigen, leicht chaotischen Puzzleteile in ihrem Kopf doch noch zu einem klareren Bild zusammen? Hatte sein Wissen über verschwundene Kinder, etwa etwas mit Joshua und Carlos zu tun? Oder mit diesem versteckten Rückzugsort, dem Waffenarsenal? Immerhin erklärte es zumindest diese irritierende Selbstverständlichkeit, mit der er Maisie behandelte. Als wäre ein verängstigtes Kind in seiner Nähe zwar ungewöhnlich, aber keineswegs vollkommen fremdes Terrain. Natürlich.
Doch wenn der Barkeeper mit den dubiosen Geschäften tatsächlich nebenbei Kinder aus solchen Verhältnissen holte, ließ sich auch dafür eine ausgesprochen bequeme Erklärung finden: Gewissenserleichterung. Lexington musste sich wahrscheinlich nur oft genug zum Retter machen, bis er selbst daran glauben konnte, bei Amy ebenfalls einer gewesen zu sein. Der Gedanke machte ihn in Syrenas Augen keinen Deut weniger heuchlerisch, im Gegenteil. In diesem Moment fand sie ihn so abstoßend, dass ihr beinahe die Nudeln wieder hochgekommen wären. Trotzdem wusste selbst sie, dass es ausgesprochen unklug wäre, ihm diese Dinge vor Maisie an den Kopf zu werfen.
Als Antares erklärte, die anderen Kinder seien nicht annähernd so stark gesucht worden und ihre Fähigkeiten weniger wertvoll gewesen, glitt Syrenas Blick wieder zu Maisie. „Weil Ashcroft weiß, was sie kann.“ Einen Moment dachte sie weiter und ihre Miene verhärtete sich. „Oder weil längst jemand dafür bezahlen will.“ Der Gedanke gefiel ihr nicht denn für Männer wie Ashcroft war Maisie keine Zwölfjährige mit einem Stofftier auf dem Schoß.
Dass Antares seine bisherigen Kontakte deshalb nicht in diese Sache hineinziehen wollte, quittierte Syrena trotz ihrem inneren Groll diesmal ohne Spott. „Ausnahmsweise sind wir uns einig. Wenn jemand deine üblichen Wege kennt oder nachvollziehen kann, machen wir damit nur noch mehr Leute zu Zielen.“ Ihr Blick, mit dem sie den Hexer nun fixierte, bekam etwas Misstrauisches.
Das wir hatte sie keineswegs vergessen. Wer gehörte dazu? Seit wann? Wie viele Kinder? Wohin brachte er sie normalerweise? Wer half ihm? Was wusste er tatsächlich über diesen Schmugglerring und wie tief reichte seine Verbindung zu all dem? Der Hexe wurde fast schwindelig bei den ganzen neuen Informationen, doch sie zwang sich dazu, sie weiter sortiert zu halten.
Syrena lehnte sich etwas zurück, bevor sie sich ihr dunkles Haar aus dem Gesicht strich. „Sie muss auf jeden Fall weiter weg.“ Indirekt hatte sie Antares gerade zugestimmt, auch, wenn sie es niemals so formulieren würde. Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort. „Nicht nur aus der Stadt.“ Los Angeles war zu nah. Kalifornien möglicherweise ebenfalls. Wenn Ashcroft tatsächlich über ein Netzwerk verfügte, brauchte Maisie keinen besseren Unterschlupf, sondern Distanz. Echte Distanz.
Syrenas Gedanken begannen sofort Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen. Wolfram & Hart hatte Niederlassungen, Kontakte, Reisewege und Menschen, die Dinge organisierten, ohne überflüssige Fragen zu stellen. Sie musste Maisie nicht der Kanzlei übergeben, um einzelne Strukturen davon zu benutzen. Schon die Vorstellung, Ashcroft könnte innerhalb der Stadt weiterhin nach ihr suchen, während das Mädchen längst außerhalb seiner üblichen Reichweite war, hatte ihren Reiz.
Doch dann kam der Hexe ihre alte Bekannte wieder in den Sinn. Dhakiya war als Lehrmeisterin von ihrer Mutter hinzugezogen worden und dank der Voodoo-Priesterin hatte Syrena damals ein Faible für die Nekromantie entwickelt. Ob sie immer noch in São Paulo lebte? Sie telefonierten nur sporadisch, doch insgeheim hatte die Hexe immer noch eine enge Bindung zu ihr – und Dhakiya wusste das.
„Vielleicht kann ich sie aus Kalifornien herausbringen.“ Syrena hielt kurz inne und blieb zunächst vage. Immerhin musste sie sie erst einmal erreichen. „Vielleicht auch noch weiter.“ Maisie sah zwischen ihnen hin und her und drückte Emile noch immer dicht an sich. Ein anderer Punkt ließ sich allerdings nicht einfach übergehen. Syrena richtete sich wieder an Maisie. „Und ich verspreche dir, dass wir herausfinden, was mit deinen Eltern passiert ist.“ Keine falschen Versprechen und erst recht keine Behauptung, dass sie noch lebten. Jetzt, da Syrena allerdings von den anderen Kindern wusste, stellte sich ohnehin eine neue Frage: Was war bei denen mit den Eltern passiert? Doch auch die musste warten. Maisie hatte heute schon genug Dinge gehört, die kein zwölfjähriges Mädchen jemals hätte hören müssen.
Syrenas Blick fiel wieder auf die Nudel-Box des Mädchens, die noch nicht ganz leer war. „Heute Nacht nimmt dich niemand irgendwohin mit.“ Der Satz kam ruhig und endgültig. „Und jetzt wenigstens noch ein paar Bissen.“ Sie schob Maisie die Box etwas näher und warf Antares einen trockenen Blick zu. „Sonst war seine beeindruckende Vorstellung von Kinderernährung endgültig für nichts.“ Sie zwinkerte und nickte ihr gleichzeitig zu… und… war so etwas wie ein warmes Lächeln, was sie ihr zuwarf? Blödsinn!
Immerhin richtete sich Maisies Aufmerksamkeit damit wieder ein wenig auf das Essen. Syrena betrachtete ihre gebrochenen Stäbchen und entschied, dass sie heute offenbar genug davon gehabt hatte. Als sie die Hände zurückzog, fiel ihr Blick auf Antares’ Handgelenk. Die halbmondförmigen Spuren ihrer Fingernägel zeichneten sich noch deutlich auf seiner Haut ab. Ein kleiner Anflug von Genugtuung durchzog sie. Immerhin hatte er sich eine Erinnerung an seine brillante Idee behalten. Mitleid verspürte sie keines. Syrena faltete die Hände vor sich. Kontrolle war leichter, sobald aus Chaos einzelne Schritte wurden. „Gut.“ Ihr Blick traf Antares. „Ich werde morgen früh einen jemanden anrufen. Dort ist es jetzt vier Stunden später.“ Dhakiya würde sie verfluchen – hoffentlich nicht in Echt. Die Voodoo-Priesterin war eine Legende unter den Hexen von Louisiana, wo Syrena auch zum ersten Mal auf sie getroffen war. Und sie wusste, dass Dhakiya mit einem Mädchen wie Maisie umgehen konnte, ohne ihre Gabe darauf zu reduzieren, welchen Nutzen man daraus ziehen konnte. Auch bei Sy war es ihr um die persönliche Entfaltung gegangen – ein völliger Gegensatz zu ihrer Mutter damals. Sie würde Maisie weder an einen Kinderschmugglerring, noch an Wolfram & Hart ausliefern. Sie hatte ihre beinharten Prinzipien, worüber die Hexe gerade jetzt fast erleichtert war.
„Du musst heute nicht alles davon verstehen.“ Ihre Stimme blieb fest, verlor aber etwas von jener kühlen Sachlichkeit, mit der sie normalerweise Vertragsklauseln oder Risiken auseinandernahm. „Wichtig ist nur, dass wir nicht zulassen, dass diese Leute dich bekommen.“ Das war einfacher, konkreter. Offenbar weniger geeignet, einem zwölfjährigen Mädchen den Appetit endgültig zu verderben.
Dass Antares sie anschließend schon wieder als Maisies Freundin bezeichnete, nahm die Hexe nur noch nebenbei wahr. Sie wusste mittlerweile, dasss er dieses Wort inzwischen eindeutig vorsätzlich benutzte. Normalerweise hätte sie den Unsinn augenblicklich korrigiert, doch diesmal schwieg sie. Maisie war ohnehin verunsichert genug und hing längst mit einer Hartnäckigkeit an ihr, die Syrena noch immer nicht verstand. Also bekam Antares lediglich einen schmalen Blick.
Dann hob sich einer ihrer Mundwinkel. „Wo wir gerade bei Freundinnen sind: Du schuldest Maisie übrigens noch eine Erklärung.“ Sie nahm einen weiteren Bissen und sah erst danach scheinbar beiläufig zu dem Mädchen. „Über Amy.“ Maisie blinzelte. „Er hat es mir schon erzählt.“ Syrenas Stäbchen verharrten einen Moment über der Box. Nur einen Herzschlag lang, doch genug, dass der kleine Triumph, auf den sie sich bereits gefreut hatte, abrupt verpuffte. Verdammt, sie war zu lange im Bad gewesen. Dieser verfluchte Bastard… was hatte er ihr erzählt? Langsam hob sie den Blick zu Antares. „So, hat er das?“ Die Süffisanz war verschwunden. Dafür trat etwas wesentlich Aufmerksameres an ihre Stelle. Er war dem Thema also immerhin nicht ausgewichen. „Und was genau hat er dir erzählt?“ Natürlich fragte sie Maisie und nicht ihn.
Das Mädchen sah kurz zu Antares, dann wieder zu ihr. „Dass Amy seine Freundin war. Und dass er sie sehr gerne mochte.“ Bereits dabei spannte sich Syrenas Kiefer leicht an. Maisie sprach weiter. „Und dass sie in Gefahr war. So wie ich.“ Die Aufmerksamkeit der Hexe schärfte sich mehr. „Er wollte sie beschützen. Aber es hat nicht geklappt.“ Bitte was?! Das hatte er ihr nicht erzählt! Er, dessen Schuld es gewesen war, dass sich ihre Cousine vor Trauer, Selbstvorwürfen und Gram irgendwann in ihrer eigenen Magie aufgelöst hatte?! Innerlich zählte Syrena bis zehn, was ihr gerade unglaublich schwerfiel. Doch es half ihr, ihm zumindest nicht sofort an die Gurgel zu springen.
„Beschützen?“ Das Wort kam leise, fast gefährlich ruhig. Für einen Augenblick war das Essen vergessen. Syrenas Blick ruhte vollständig auf Antares. Das war also seine Version. Nicht Betrug. Nicht Amy, die ihn mit einer anderen Frau erwischt hatte. Nicht der Schmerz, den er ihrer Cousine zugefügt hatte, nein. Offenbar hatte er sie beschützen wollen. Wie bequem und feige konnte man eigentlich sein?
„Eine bemerkenswert großzügige Auslegung dessen, was damals passiert ist.“ Sy schnaubte und nahm wieder einen Bissen, auf dass nicht noch mehr aus ihr herausplatzte.
Maisie zog die Brauen zusammen. „Aber er war traurig, als er davon erzählt hat.“ Syrenas Blick hob sich wieder zu ihr, während sie sich noch über ihre Nudel-Box gebeugt hatte und langsam kaut. Die Wut galt nicht Maisie, und genau deshalb zwang sie ihre Stimme ruhig zu bleiben. Langsam schluckte sie das Essen, was nicht annähernd etwas mit Haute Cuisine zu tun hatte, herunter.
„Man kann etwas bereuen und trotzdem dafür verantwortlich sein.“ Daraufhin erklang ein trockenes Knacken und die Hexe sah hinunter. Die beiden Essstäbchen waren in ihrer Hand mittig gebrochen. Für einige Sekunden betrachtete sie die zwei nutzlosen Hälften, bevor sie sie sehr kontrolliert auf den Rand der Box legte. Danach sah sie wieder zu Antares und ihr Blick sprach Bände. Darüber sprechen wir später. Dass sie überhaupt darüber sprechen würden, stand bereits fest. Seine Formulierung hatte sich in ihrem Kopf festgesetzt, ob sie wollte oder nicht. Ich wollte sie beschützen. Sie glaubte ihm kein Wort. Trotzdem war es das erste Mal, dass seine eigene Darstellung dessen, was mit Amy geschehen war, nicht vollständig mit dem Bild übereinstimmte, das Syrena seit Jahren von ihm hatte. Nur machte eine andere Version sie noch lange nicht wahr. Vielleicht brauchte Lexington inzwischen einfach eine Geschichte, in der er selbst weniger erbärmlich dastand. Und allein das reichte, um ihre Wut noch unangenehmer zu machen.
Seine Frage, was nach dieser Nacht geschehen sollte, brachte sie zurück zu etwas, das sich wenigstens lösen ließ, ohne vier Jahre alte Wunden aufzureißen. „Dass sie hier nicht länger bleiben kann, ist offensichtlich.“ Ashcroft hatte Mittel besessen, Maisie zu finden. Niemand konnte wissen, ob die Resonanzmünze das einzige davon gewesen war. Vermutlich wäre es sogar ausgesprochen naiv, davon auszugehen. Dann sagte Antares, Maisie sei nicht das erste Kind, das sie aus diesem Schmugglerring befreiten.
Syrena hob langsam den Kopf. „Wir?“ Mehr sagte sie zunächst nicht. Fügten sich die bisherigen, leicht chaotischen Puzzleteile in ihrem Kopf doch noch zu einem klareren Bild zusammen? Hatte sein Wissen über verschwundene Kinder, etwa etwas mit Joshua und Carlos zu tun? Oder mit diesem versteckten Rückzugsort, dem Waffenarsenal? Immerhin erklärte es zumindest diese irritierende Selbstverständlichkeit, mit der er Maisie behandelte. Als wäre ein verängstigtes Kind in seiner Nähe zwar ungewöhnlich, aber keineswegs vollkommen fremdes Terrain. Natürlich.
Doch wenn der Barkeeper mit den dubiosen Geschäften tatsächlich nebenbei Kinder aus solchen Verhältnissen holte, ließ sich auch dafür eine ausgesprochen bequeme Erklärung finden: Gewissenserleichterung. Lexington musste sich wahrscheinlich nur oft genug zum Retter machen, bis er selbst daran glauben konnte, bei Amy ebenfalls einer gewesen zu sein. Der Gedanke machte ihn in Syrenas Augen keinen Deut weniger heuchlerisch, im Gegenteil. In diesem Moment fand sie ihn so abstoßend, dass ihr beinahe die Nudeln wieder hochgekommen wären. Trotzdem wusste selbst sie, dass es ausgesprochen unklug wäre, ihm diese Dinge vor Maisie an den Kopf zu werfen.
Als Antares erklärte, die anderen Kinder seien nicht annähernd so stark gesucht worden und ihre Fähigkeiten weniger wertvoll gewesen, glitt Syrenas Blick wieder zu Maisie. „Weil Ashcroft weiß, was sie kann.“ Einen Moment dachte sie weiter und ihre Miene verhärtete sich. „Oder weil längst jemand dafür bezahlen will.“ Der Gedanke gefiel ihr nicht denn für Männer wie Ashcroft war Maisie keine Zwölfjährige mit einem Stofftier auf dem Schoß.
Dass Antares seine bisherigen Kontakte deshalb nicht in diese Sache hineinziehen wollte, quittierte Syrena trotz ihrem inneren Groll diesmal ohne Spott. „Ausnahmsweise sind wir uns einig. Wenn jemand deine üblichen Wege kennt oder nachvollziehen kann, machen wir damit nur noch mehr Leute zu Zielen.“ Ihr Blick, mit dem sie den Hexer nun fixierte, bekam etwas Misstrauisches.
Das wir hatte sie keineswegs vergessen. Wer gehörte dazu? Seit wann? Wie viele Kinder? Wohin brachte er sie normalerweise? Wer half ihm? Was wusste er tatsächlich über diesen Schmugglerring und wie tief reichte seine Verbindung zu all dem? Der Hexe wurde fast schwindelig bei den ganzen neuen Informationen, doch sie zwang sich dazu, sie weiter sortiert zu halten.
Syrena lehnte sich etwas zurück, bevor sie sich ihr dunkles Haar aus dem Gesicht strich. „Sie muss auf jeden Fall weiter weg.“ Indirekt hatte sie Antares gerade zugestimmt, auch, wenn sie es niemals so formulieren würde. Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort. „Nicht nur aus der Stadt.“ Los Angeles war zu nah. Kalifornien möglicherweise ebenfalls. Wenn Ashcroft tatsächlich über ein Netzwerk verfügte, brauchte Maisie keinen besseren Unterschlupf, sondern Distanz. Echte Distanz.
Syrenas Gedanken begannen sofort Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen. Wolfram & Hart hatte Niederlassungen, Kontakte, Reisewege und Menschen, die Dinge organisierten, ohne überflüssige Fragen zu stellen. Sie musste Maisie nicht der Kanzlei übergeben, um einzelne Strukturen davon zu benutzen. Schon die Vorstellung, Ashcroft könnte innerhalb der Stadt weiterhin nach ihr suchen, während das Mädchen längst außerhalb seiner üblichen Reichweite war, hatte ihren Reiz.
Doch dann kam der Hexe ihre alte Bekannte wieder in den Sinn. Dhakiya war als Lehrmeisterin von ihrer Mutter hinzugezogen worden und dank der Voodoo-Priesterin hatte Syrena damals ein Faible für die Nekromantie entwickelt. Ob sie immer noch in São Paulo lebte? Sie telefonierten nur sporadisch, doch insgeheim hatte die Hexe immer noch eine enge Bindung zu ihr – und Dhakiya wusste das.
„Vielleicht kann ich sie aus Kalifornien herausbringen.“ Syrena hielt kurz inne und blieb zunächst vage. Immerhin musste sie sie erst einmal erreichen. „Vielleicht auch noch weiter.“ Maisie sah zwischen ihnen hin und her und drückte Emile noch immer dicht an sich. Ein anderer Punkt ließ sich allerdings nicht einfach übergehen. Syrena richtete sich wieder an Maisie. „Und ich verspreche dir, dass wir herausfinden, was mit deinen Eltern passiert ist.“ Keine falschen Versprechen und erst recht keine Behauptung, dass sie noch lebten. Jetzt, da Syrena allerdings von den anderen Kindern wusste, stellte sich ohnehin eine neue Frage: Was war bei denen mit den Eltern passiert? Doch auch die musste warten. Maisie hatte heute schon genug Dinge gehört, die kein zwölfjähriges Mädchen jemals hätte hören müssen.
Syrenas Blick fiel wieder auf die Nudel-Box des Mädchens, die noch nicht ganz leer war. „Heute Nacht nimmt dich niemand irgendwohin mit.“ Der Satz kam ruhig und endgültig. „Und jetzt wenigstens noch ein paar Bissen.“ Sie schob Maisie die Box etwas näher und warf Antares einen trockenen Blick zu. „Sonst war seine beeindruckende Vorstellung von Kinderernährung endgültig für nichts.“ Sie zwinkerte und nickte ihr gleichzeitig zu… und… war so etwas wie ein warmes Lächeln, was sie ihr zuwarf? Blödsinn!
Immerhin richtete sich Maisies Aufmerksamkeit damit wieder ein wenig auf das Essen. Syrena betrachtete ihre gebrochenen Stäbchen und entschied, dass sie heute offenbar genug davon gehabt hatte. Als sie die Hände zurückzog, fiel ihr Blick auf Antares’ Handgelenk. Die halbmondförmigen Spuren ihrer Fingernägel zeichneten sich noch deutlich auf seiner Haut ab. Ein kleiner Anflug von Genugtuung durchzog sie. Immerhin hatte er sich eine Erinnerung an seine brillante Idee behalten. Mitleid verspürte sie keines. Syrena faltete die Hände vor sich. Kontrolle war leichter, sobald aus Chaos einzelne Schritte wurden. „Gut.“ Ihr Blick traf Antares. „Ich werde morgen früh einen jemanden anrufen. Dort ist es jetzt vier Stunden später.“ Dhakiya würde sie verfluchen – hoffentlich nicht in Echt. Die Voodoo-Priesterin war eine Legende unter den Hexen von Louisiana, wo Syrena auch zum ersten Mal auf sie getroffen war. Und sie wusste, dass Dhakiya mit einem Mädchen wie Maisie umgehen konnte, ohne ihre Gabe darauf zu reduzieren, welchen Nutzen man daraus ziehen konnte. Auch bei Sy war es ihr um die persönliche Entfaltung gegangen – ein völliger Gegensatz zu ihrer Mutter damals. Sie würde Maisie weder an einen Kinderschmugglerring, noch an Wolfram & Hart ausliefern. Sie hatte ihre beinharten Prinzipien, worüber die Hexe gerade jetzt fast erleichtert war.

