20.09.2026, 13:30
Antares’ Erklärung, wofür er die Rückbank seines Wagens angeblich nicht brauchte, bekam nur einen langen, trockenen Blick. „Es wäre immerhin nicht abwegig, dass du bei horizontalen Aktivitäten genauso einfallslos bist wie bei deinen Sprüchen: Groß angekündigt, maßlos überschätzt, deutlich unbeeindruckender im Einsatz, und erschreckend schnell vorbei.“ Ihr Mundwinkel hob sich kaum und die Verachtung war ihr ins Gesicht geschrieben. Und Amy hatte sich ausgerechnet davon einmal beeindrucken lassen! Liebe musste tatsächlich blind machen – anders ließ sich dieser Aussetzer ihres Geschmacks kaum erklären.
Als Antares wegen seines beinahe weißen Talismans nachlegte, sah Syrena ihn beinahe irritiert an. „Keine Sorge. Deine Schmuckprobleme interessieren mich nur, weil sie Maisies Fähigkeit bestätigen.“ Was dachte er denn? Dass sie seine verzweifelten Versuche, ihren Fluch ab zu schmälern, gerade juckt?! Wie immer nahm er sich viel zu wichtig. „Offenbar schaltet sie sogar deine magischen Stützräder aus.“
Seine Gegenfrage wegen ihrer angeblichen Allwissenheit entlockte ihr ein spöttisches Lächeln. „Damit hat es tatsächlich mal nichts zu tun. Mir reicht, dass du es nicht dementierst, Katerchen.“ Joshua, Carlos. Geschäfte, Lagerhalle.
Als er den Spruch im Eingangsbereich zum angeblichen Fluch erklärte, senkte Syrena demonstrativ den Blick auf ihre Füße, die längst in seiner Wohnung standen. „Funktioniert ja hervorragend.“
Wie er auf ihre Sicherheitsfrage reagierte, nahm sie dagegen ausnahmsweise mal ernst. Einige Leute kannten die Wohnung, niemand kam ohne Einladung, niemand wusste von Maisies Fähigkeit und frühere ungebetene Besucher hatten offenbar verstanden, weshalb sie nicht wiederkommen sollten. Für heute Nacht genügte das.
Hinter der unscheinbaren Tür, die er nun öffnete, verbarg sich statt einer Garderobe ein Waffenarsenal, welches die Hexe nähertreten ließ. Die Schusswaffen überging sie beinahe vollständig; ihre Aufmerksamkeit galt dagegen mehreren, sauber ausbalancierten Wurfmessern. „Sieh an.“ Ihr Kopf neigte sich leicht. „Eine vernünftige Entscheidung von dir. Ich bin erschüttert.“ Eigentlich machte sich Sy nichts aus solchen Waffen – ihre Magie war für sie dabei wesentlich zuverlässiger als irgendwelche fremden Objekte. Doch Wurfmesser ließen sich mit herrlicher, telekinetischer Präzision in vorwitzige Männerbrüste rammen. Ein wissendes, siegessicheres Schmunzeln legte sich auf ihr Gesicht, als sie an ihren letzten Fal zurückdachte, bei dem sie sie eingesetzt hatte. Ein bisschen stolz auf sich war sie gewesen, schließlich hatte sie ihrer Kreativität dabei freien Lauf gelassen und noch ein paar herrliche Muster in die verletzte Haut geritzt.
Offenbar hatte er einen Decknamen, zwielichtige Kontakte, Waffen und einen schützenden Rückzugsort. Was genau tat Lexington eigentlich, wenn er nicht hinter einer Bar stand? Und hatte Amy davon gewusst?
Syrenas Augen wurden schmaler. „Ich frag mich, ob Amy dich immer noch so angehimmelt hätte, wenn sie gewusst hätte, was du hier tust“, murmelte sie. Hinter ihr kam prompt eine kleine Stimme. „Wer… wer ist Amy?“ Syrena sah zu Maisie, dann mit ernstem Gesicht zu Antares und gab ihm ein kleines Nicken. „Erzähl ihr doch beim Essen, wer Amy war.“ Die Betonung saß genau dort, wo sie hin sollte. Amy war Vergangenheit – wegen ihm! Mal sehen, ob das Katerchen auch dann noch so große Töne spuckte, wenn sein Publikum zwölf Jahre alt war und sich hinter den großen Augen eine gefährliche Gutgläubigkeit schlummerte.
Auf seine Feststellung, dass hier ohnehin nichts für Kinder bestimmt sei, ließ Syrena den Blick über Loft, Waffenversteck und Küche gleiten. „Das war bereits offensichtlich.“ Dass er seine Schicht ohne jedes Theater für Maisie absagte, registrierte Syrena trotzdem.
Dass er ihr beim Ausziehen der Jacke zusah, bemerkte Syrena nur am Rand. Ihre ruinierte Versace-Jacke interessierte sie deutlich mehr als Lexingtons Meinung über ihren Körper. Hassen konnte er sie offenbar problemlos. Blind war er deshalb trotzdem nicht.
Genau in dem Moment, in dem sich die Hexe in ihrem wohl verletzlichsten Zustand des gesamten Abends befand, legten sich seine Finger um ihr Kinn. Ihre Reaktion war unmittelbar: Hitze schoss ihr den Hals hinauf, färbte die Haut über ihrem Schlüsselbein rötlich, ihr Atem wurde schneller und die Pupillen weiteten sich. Mitten darin flammte je ein winziger roter Punkt auf. Ihre Magie wollte auf die überkochende Wut antworten – doch Maisie erstickte sie vollständig. Syrenas Hand schloss sich hart um Antares’ Handgelenk. Die Nägel gruben sich in seine Haut und inbrünstig wünschte die Hexe, sie mögen seine Haut durchschneiden. Eine unmissverständliche Grenze, die sie ihm damit setzte.
„Damals konntest du mir auch ins Gesicht sehen, als du den Fluch ausgesprochen hast. Und jetzt, wenn du meine Hilfe brauchst, hast du nicht das Rückgrat dazu?“
Blinder Zorn zog sich heiß durch Syrenas Körper. Er nahm ausgerechnet den Moment, in dem Maisies Sorge sie aus dem Tritt gebracht hatte, und machte daraus Feigheit. „Bilde dir bloß nicht ein, dass Wegsehen bei dir irgendetwas mit Scham zu tun hätte.“ Ihre Stimme war leise und eiskalt, trotz des leicht verwaschenen Klangs durch die Maulsperre, die er ihr in dem Moment verpassen wollte. Die roten Punkte glimmten noch immer.
„Damals habe ich dir sehr bewusst ins Gesicht gesehen, Lexington. Ich wollte, dass du in dem Moment, in dem der Fluch dich trifft, keinen einzigen Zweifel daran hast, wer ihn über dich gebracht hat.“ Die letzten Worte zischte sie beinahe. Danach erschien ein kleines, grausam zufriedenes Grinsen auf ihren Lippen. Er hatte gewusst, dass es ihre Magie gewesen war. Ihre Entscheidung, ihre Strafe für ihn.
Als er sie losließ, rührte sich Syrena sich kein bisschen und lachte einmal trocken auf. „Du hältst mir seit einer Stunde Vorträge darüber, anderen den eigenen Willen aufzuzwingen, und greifst mir ins Gesicht, weil dir nicht gefällt, wohin ich schaue.“ Sie trat einen Schritt auf ihn zu, bis nur noch wenige Zentimeter zwischen ihnen lagen. Sie konnte sein markantes Parfum riechen, den Schweiß, mit dem es sich bereits vermischt hatte. Dies machte ihren Adrenalinspiegel nicht unbedingt niedriger.
„Und das auch nur, weil du genau weißt, dass ich dich gerade nicht zerquetschen kann.“ Ihr Blick musterte ihn langsam von oben nach unten, voller Verachtung. Ohne Maisie hätte sie längst anders reagiert. Dass ausgerechnet dieses Kind sie zurückhielt, machte ihre Wut nur schlimmer.
Auf den Kanalisation-Spruch bekam Antares beim Weggehen lediglich ein „Originell.“ Zwei Schritte später hielt Syrena kurz inne und drehte ihren Kopf lediglich leicht, so dass er nur einen Teil ihres Gesichts erhaschen konnte. „Leg noch einmal Hand an mich, Lexington, und wir führen dieses Gespräch ohne Maisie zu Ende.“ Kein Spott, nur eine Warnung.
Mit jedem Schritt Richtung Bad kehrte das vertraute Kribbeln unter ihrer Haut zurück. Ein dünner roter Faden zuckte über ihre Finger, brach ab und erschien erneut. Syrena schloss kurz die Augen. Ihre Hand begann zu zittern. Wut, Schmerz, Adrenalin – und eine Erleichterung, deren Ausmaß sie erst jetzt begriff. Sie stützte sich am Waschbecken ab, atmete tief ein und langsam wieder aus. Noch einmal. Beim dritten Atemzug stabilisierte sich das Rot. Maisies Nullfeld hatte ihr weit mehr zugesetzt, als sie draußen gezeigt hatte.
Dann sah sie langsam hoch in den Spiegel. Schmutz, getrocknetes Blut unter der Nase, ungeordnete Haare, Verletzungen. Und noch immer zu viel von Antares’ Griff in ihrem Gesicht. Syrena betrachtete sich, bis ihr Atem ruhiger ging. Zuerst wusch sie sich gründlich die Hände. Danach nahm sie ein weißes Handtuch, feuchtete es an und säuberte vorsichtig ihr Gesicht. Das Weiß des Tuches verfärbte sich langsam grau und rot. Besonders sorgfältig entfernte sie das Blut unter ihrer Nase. Anschließend strich sie mit den Fingerspitzen über die gereinigten Hautränder und verblendete das restliche Make-up. Dann drehte sie langsam ihren Kopf nach links, dann nach rechts. Ein prüfender Blick begutachtete jede mögliche Unebenheit, jeden möglichen Makel. Wenigstens sah sie jetzt nicht mehr aus, als hätte sie unter einer Brücke geschlafen.
Dann kam der linke Oberarm. Das Blut wurde deutlich schneller fortgewischt als im Gesicht. Der Erste-Hilfe-Kasten geöffnet, Desinfektionsmittel und Verbandszeug bereitgelegt. Syrena atmete noch einmal tief ein und aus und hob ihre rechte Hand. Rote Fäden krochen langsam von ihren Fingern unter die verletzte Haut. Der Schmerz war sofort tief und heiß; ein unwillkürliches Stöhnen entwich ihr, ehe sie die Lippen hart aufeinanderpresste. Auf gar keinen Fall bekam Lexington davon noch eine Zugabe! Millimeter für Millimeter fasste ihre Magie das Projektil und zog es heraus. Als die Kugel ins Waschbecken fiel, brauchte sie einige Atemzüge, welche ihr stoßweise entwichen.
Der rechte Oberschenkel war schlimmer. Syrena stützte sich am Waschbecken ab, Schweiß trat auf ihre Stirn und ihr Kiefer verspannte sich, während die roten Fäden erneut unter ihre Haut drangen. Diesmal kam kein Laut, obwohl sie den Mund einem lautlosen Schrei öffnete und sich ihr Gesicht verzog. Erst als auch das zweite Projektil draußen war, sanken ihre Schultern kurz ab. Erneut stützte sie sich an die Wand im Bad und schloss für einen kurzen Moment die Augen, während sie sich in ihre eigene Wohnung wünschte. Danach desinfizierte sie beide Wunden und verband erst den linken Oberarm, dann den rechten Oberschenkel sauber und fest.
Als sie sich wieder aufrichtete, glänzten noch vereinzelte Schweißperlen an ihrer Stirn. Im Spiegel fiel ihr Blick auf ihr Kinn. Sofort war Antares’ Hand wieder präsent. Seine Finger, seine Unterstellung. Die Art, wie er ihre Wehrlosigkeit genutzt und ihre Reaktion auf Maisie als Schwäche gelesen hatte. Syrenas Mund wurde schmal. Nie wieder. Keine sichtbare Unsicherheit, keine Überforderung, die er gegen sie wenden konnte. Sie säuberte Waschbecken und Ablage, entfernte Blutreste und benutztes Material und warf das schmutzige Handtuch in den Wäschekorb. Keine Erinnerung an sie sollte hier zurückbleiben, genauso, wie sie dieses Ereignis für immer aus ihrem Kopf verbannen würde.
Noch bevor sie das Wohnzimmer erreichte, hörte Syrena Antares’ Stimme. Freundlich, leicht, warm. Beinahe verspielt. Als sie um die Ecke trat, saß er mit Maisie und einem Kartenspiel da. Emile lag bei ihr, ein Glas Wasser stand auf dem Tisch, und Maisie gluckste über irgendeinen Unsinn.
Syrena sagte nichts. Derselbe Mann, der ihr gerade noch ins Gesicht gepackt hatte, behandelte dieses Kind mit einer Geduld, die sie ihm nicht zugetraut hätte. Das machte ihn nicht sympathischer, es machte sein Verhalten ihr gegenüber nur persönlicher. Er konnte freundlich sein, bei ihr entschied er sich bewusst dagegen.
Und Maisies Lachen traf einen anderen Punkt in ihr. Vor wenigen Stunden war sie allein gewesen, hungrig und mit Menschen auf den Fersen, die sie wie eine Ware behandelten. Jetzt hatte sie eine Decke, Emile, Wasser, Karten und genug Sicherheit für ein kleines Lachen.
Dann erblickte Syrena die drei Nudelboxen. „Drei?“ Ihr Blick ging zu Maisie, dann zu Antares. „Hast du jemals zuvor ein Kind aus der Nähe gesehen?“ Ein süffisantes Lächeln folgte. „Oder hast du dich nur nicht getraut, mich zu fragen, ob ich auch etwas essen möchte?“
Maisie sah auf – und ihr ganzes Gesicht fing schier an zu leuchten. Einfach, weil Syrena wieder da war. Warum zur Hölle freute dieses Kind sich jedes Mal so, sie zu sehen? Die Wärme, die diese Reaktion in ihrer Brust auslöste, war fremd genug, dass Syrena sie am liebsten sofort zerlegt und entsorgt hätte.
„Du musst mir beim Essen helfen.“ Maisie hielt ihr die übrigen Essstäbchen hin. Syrena sah auf die Stäbchen, dann auf das Mädchen. Bereits beim Näherkommen wurde ihre Magie wieder schwächer. Gerade erst hatte sie erlebt, wie erleichternd ihre Rückkehr gewesen war. Nun ging sie freiwillig dorthin zurück, wo sie wieder verloren ging und ihr Magen zog sich unwillkürlich zusammen. Unsinn! Das Kind hatte seit zwei Tagen nichts Vernünftiges gegessen. Jemand musste schließlich sicherstellen, dass sie überhaupt etwas davon hinunterbekam. Und Lexingtons Vorstellung einer Kinderportion lag offensichtlich irgendwo zwischen Großfamilie und Hungersnot.
Die Hexe seufzte, setzte sich neben Maisie und nahm die Stäbchen. Das Rot unter ihrer Haut verschwand gänzlich, doch sie versuchte es zu ignorieren. „Du musst das nicht alles schaffen.“ Ihr Blick ging erneut zu dem Hexer, dann wieder zu Maisie. „Offenbar hat jemand hier die Ernährung eines zwölfjährigen Mädchens mit der Versorgung einer Footballmannschaft verwechselt.“
Vor zwei Stunden hatte sie noch einen Mann mit einem Müllcontainer erschlagen. Jetzt saß sie in Antares Lexingtons Loft, teilte gebratene Nudeln mit einem zwölfjährigen Mädchen und half ihm mit den Essstäbchen. Die ganze Szene war ihr auf eine schwer erklärbare Weise unangenehm und völlig absurd. Der Hexer rückte erneut in ihren Fokus. Zwei Stäbchen. Praktisch, eines für jedes Auge. Wenn ihre Magie hier nur funktionieren würde…
Die Hexe nahm ein paar Bissen aus der dritten Box, die sie für sich wie selbstverständlich öffnete und dabei den Hexer vollkommen ignorierte. Sie kaute bedächtig, die Nahrung tat nach ihrer Selbstoperation gerad verdammt gut.
Nach ein paar Bissen sah Syrena zu Maisie. So alltäglich das hier gerade wirkte, konnten sie den eigentlichen Grund ihrer Anwesenheit nicht ewig verschieben. „Wir sollten dir erklären, warum wir dich überhaupt mitgenommen haben.“ Ihre Stimme nahm automatisch jenen sachlichen Ton an, den sie sonst für unangenehme Vertragsklauseln benutzte. „Die Männer, denen wir heute begegnet sind, arbeiten für jemanden namens Gideon Ashcroft. Er sucht nach dir.“
Maisies Finger schlossen sich fester um die Box und ihre Augen wurden wieder größer. „Warum?“
Syrena atmete durch die Nase aus. Kindgerecht… wie zum Teufel machte man das?! „Wegen etwas, das du kannst. Etwas Magischem.“
Das Mädchen schüttelte energisch den Kopf und zog die Brauen zusammen. „Aber ich kann doch gar nicht zaubern, das gibt es doch nur im Märchen“, antwortete sie mit halbvollem Mund. „Nein, nicht nur im Märchen. Und du zauberst auch nicht, wie du vermutlich denkst.“ Syrena legte die Stäbchen kurz auf den Rand der Box und faltete ihre Hände ineinander, die Ellenbogen auf dem Tisch abgestützt, als wenn sie gerade begann eine Verhandlung zu führen. Ihr Gesicht war gerade mindestens genauso angestrengt.
„Wenn du in unserer Nähe bist, funktioniert unsere Magie nicht richtig. Je näher du bist, desto stärker wird es. Ashcroft weiß offenbar davon.“ Sie hielt den Blick der kleinen dabei um ihr zu verdeutlichen, dass sie es verdammt ernst meinte, vielleicht etwas zu fixierend, zu streng. „Wir wissen noch nicht genau, was er mit deiner Fähigkeit vorhat. Nur, dass Leute bereit sind, dich deswegen zu suchen und mit Gewalt mitzunehmen.“ Die machte eine kurze Pause, als sie registrierte, dass das Mädchen auf seinem Stuhl deutlich kleiner geworden zu sein schien. „Deshalb bleibst du vorerst hier. In Sicherheit.“ Dann sah Syrena zu Antares. Nicht freundlich, nicht versöhnlich – aber eindeutig genug, um ihm den Rest zu überlassen du ihm klar zu machen, dass die Sicherheit hier eine grundlegende Erwartung von ihr war.
Als Antares wegen seines beinahe weißen Talismans nachlegte, sah Syrena ihn beinahe irritiert an. „Keine Sorge. Deine Schmuckprobleme interessieren mich nur, weil sie Maisies Fähigkeit bestätigen.“ Was dachte er denn? Dass sie seine verzweifelten Versuche, ihren Fluch ab zu schmälern, gerade juckt?! Wie immer nahm er sich viel zu wichtig. „Offenbar schaltet sie sogar deine magischen Stützräder aus.“
Seine Gegenfrage wegen ihrer angeblichen Allwissenheit entlockte ihr ein spöttisches Lächeln. „Damit hat es tatsächlich mal nichts zu tun. Mir reicht, dass du es nicht dementierst, Katerchen.“ Joshua, Carlos. Geschäfte, Lagerhalle.
Als er den Spruch im Eingangsbereich zum angeblichen Fluch erklärte, senkte Syrena demonstrativ den Blick auf ihre Füße, die längst in seiner Wohnung standen. „Funktioniert ja hervorragend.“
Wie er auf ihre Sicherheitsfrage reagierte, nahm sie dagegen ausnahmsweise mal ernst. Einige Leute kannten die Wohnung, niemand kam ohne Einladung, niemand wusste von Maisies Fähigkeit und frühere ungebetene Besucher hatten offenbar verstanden, weshalb sie nicht wiederkommen sollten. Für heute Nacht genügte das.
Hinter der unscheinbaren Tür, die er nun öffnete, verbarg sich statt einer Garderobe ein Waffenarsenal, welches die Hexe nähertreten ließ. Die Schusswaffen überging sie beinahe vollständig; ihre Aufmerksamkeit galt dagegen mehreren, sauber ausbalancierten Wurfmessern. „Sieh an.“ Ihr Kopf neigte sich leicht. „Eine vernünftige Entscheidung von dir. Ich bin erschüttert.“ Eigentlich machte sich Sy nichts aus solchen Waffen – ihre Magie war für sie dabei wesentlich zuverlässiger als irgendwelche fremden Objekte. Doch Wurfmesser ließen sich mit herrlicher, telekinetischer Präzision in vorwitzige Männerbrüste rammen. Ein wissendes, siegessicheres Schmunzeln legte sich auf ihr Gesicht, als sie an ihren letzten Fal zurückdachte, bei dem sie sie eingesetzt hatte. Ein bisschen stolz auf sich war sie gewesen, schließlich hatte sie ihrer Kreativität dabei freien Lauf gelassen und noch ein paar herrliche Muster in die verletzte Haut geritzt.
Offenbar hatte er einen Decknamen, zwielichtige Kontakte, Waffen und einen schützenden Rückzugsort. Was genau tat Lexington eigentlich, wenn er nicht hinter einer Bar stand? Und hatte Amy davon gewusst?
Syrenas Augen wurden schmaler. „Ich frag mich, ob Amy dich immer noch so angehimmelt hätte, wenn sie gewusst hätte, was du hier tust“, murmelte sie. Hinter ihr kam prompt eine kleine Stimme. „Wer… wer ist Amy?“ Syrena sah zu Maisie, dann mit ernstem Gesicht zu Antares und gab ihm ein kleines Nicken. „Erzähl ihr doch beim Essen, wer Amy war.“ Die Betonung saß genau dort, wo sie hin sollte. Amy war Vergangenheit – wegen ihm! Mal sehen, ob das Katerchen auch dann noch so große Töne spuckte, wenn sein Publikum zwölf Jahre alt war und sich hinter den großen Augen eine gefährliche Gutgläubigkeit schlummerte.
Auf seine Feststellung, dass hier ohnehin nichts für Kinder bestimmt sei, ließ Syrena den Blick über Loft, Waffenversteck und Küche gleiten. „Das war bereits offensichtlich.“ Dass er seine Schicht ohne jedes Theater für Maisie absagte, registrierte Syrena trotzdem.
Dass er ihr beim Ausziehen der Jacke zusah, bemerkte Syrena nur am Rand. Ihre ruinierte Versace-Jacke interessierte sie deutlich mehr als Lexingtons Meinung über ihren Körper. Hassen konnte er sie offenbar problemlos. Blind war er deshalb trotzdem nicht.
Genau in dem Moment, in dem sich die Hexe in ihrem wohl verletzlichsten Zustand des gesamten Abends befand, legten sich seine Finger um ihr Kinn. Ihre Reaktion war unmittelbar: Hitze schoss ihr den Hals hinauf, färbte die Haut über ihrem Schlüsselbein rötlich, ihr Atem wurde schneller und die Pupillen weiteten sich. Mitten darin flammte je ein winziger roter Punkt auf. Ihre Magie wollte auf die überkochende Wut antworten – doch Maisie erstickte sie vollständig. Syrenas Hand schloss sich hart um Antares’ Handgelenk. Die Nägel gruben sich in seine Haut und inbrünstig wünschte die Hexe, sie mögen seine Haut durchschneiden. Eine unmissverständliche Grenze, die sie ihm damit setzte.
„Damals konntest du mir auch ins Gesicht sehen, als du den Fluch ausgesprochen hast. Und jetzt, wenn du meine Hilfe brauchst, hast du nicht das Rückgrat dazu?“
Blinder Zorn zog sich heiß durch Syrenas Körper. Er nahm ausgerechnet den Moment, in dem Maisies Sorge sie aus dem Tritt gebracht hatte, und machte daraus Feigheit. „Bilde dir bloß nicht ein, dass Wegsehen bei dir irgendetwas mit Scham zu tun hätte.“ Ihre Stimme war leise und eiskalt, trotz des leicht verwaschenen Klangs durch die Maulsperre, die er ihr in dem Moment verpassen wollte. Die roten Punkte glimmten noch immer.
„Damals habe ich dir sehr bewusst ins Gesicht gesehen, Lexington. Ich wollte, dass du in dem Moment, in dem der Fluch dich trifft, keinen einzigen Zweifel daran hast, wer ihn über dich gebracht hat.“ Die letzten Worte zischte sie beinahe. Danach erschien ein kleines, grausam zufriedenes Grinsen auf ihren Lippen. Er hatte gewusst, dass es ihre Magie gewesen war. Ihre Entscheidung, ihre Strafe für ihn.
Als er sie losließ, rührte sich Syrena sich kein bisschen und lachte einmal trocken auf. „Du hältst mir seit einer Stunde Vorträge darüber, anderen den eigenen Willen aufzuzwingen, und greifst mir ins Gesicht, weil dir nicht gefällt, wohin ich schaue.“ Sie trat einen Schritt auf ihn zu, bis nur noch wenige Zentimeter zwischen ihnen lagen. Sie konnte sein markantes Parfum riechen, den Schweiß, mit dem es sich bereits vermischt hatte. Dies machte ihren Adrenalinspiegel nicht unbedingt niedriger.
„Und das auch nur, weil du genau weißt, dass ich dich gerade nicht zerquetschen kann.“ Ihr Blick musterte ihn langsam von oben nach unten, voller Verachtung. Ohne Maisie hätte sie längst anders reagiert. Dass ausgerechnet dieses Kind sie zurückhielt, machte ihre Wut nur schlimmer.
Auf den Kanalisation-Spruch bekam Antares beim Weggehen lediglich ein „Originell.“ Zwei Schritte später hielt Syrena kurz inne und drehte ihren Kopf lediglich leicht, so dass er nur einen Teil ihres Gesichts erhaschen konnte. „Leg noch einmal Hand an mich, Lexington, und wir führen dieses Gespräch ohne Maisie zu Ende.“ Kein Spott, nur eine Warnung.
Mit jedem Schritt Richtung Bad kehrte das vertraute Kribbeln unter ihrer Haut zurück. Ein dünner roter Faden zuckte über ihre Finger, brach ab und erschien erneut. Syrena schloss kurz die Augen. Ihre Hand begann zu zittern. Wut, Schmerz, Adrenalin – und eine Erleichterung, deren Ausmaß sie erst jetzt begriff. Sie stützte sich am Waschbecken ab, atmete tief ein und langsam wieder aus. Noch einmal. Beim dritten Atemzug stabilisierte sich das Rot. Maisies Nullfeld hatte ihr weit mehr zugesetzt, als sie draußen gezeigt hatte.
Dann sah sie langsam hoch in den Spiegel. Schmutz, getrocknetes Blut unter der Nase, ungeordnete Haare, Verletzungen. Und noch immer zu viel von Antares’ Griff in ihrem Gesicht. Syrena betrachtete sich, bis ihr Atem ruhiger ging. Zuerst wusch sie sich gründlich die Hände. Danach nahm sie ein weißes Handtuch, feuchtete es an und säuberte vorsichtig ihr Gesicht. Das Weiß des Tuches verfärbte sich langsam grau und rot. Besonders sorgfältig entfernte sie das Blut unter ihrer Nase. Anschließend strich sie mit den Fingerspitzen über die gereinigten Hautränder und verblendete das restliche Make-up. Dann drehte sie langsam ihren Kopf nach links, dann nach rechts. Ein prüfender Blick begutachtete jede mögliche Unebenheit, jeden möglichen Makel. Wenigstens sah sie jetzt nicht mehr aus, als hätte sie unter einer Brücke geschlafen.
Dann kam der linke Oberarm. Das Blut wurde deutlich schneller fortgewischt als im Gesicht. Der Erste-Hilfe-Kasten geöffnet, Desinfektionsmittel und Verbandszeug bereitgelegt. Syrena atmete noch einmal tief ein und aus und hob ihre rechte Hand. Rote Fäden krochen langsam von ihren Fingern unter die verletzte Haut. Der Schmerz war sofort tief und heiß; ein unwillkürliches Stöhnen entwich ihr, ehe sie die Lippen hart aufeinanderpresste. Auf gar keinen Fall bekam Lexington davon noch eine Zugabe! Millimeter für Millimeter fasste ihre Magie das Projektil und zog es heraus. Als die Kugel ins Waschbecken fiel, brauchte sie einige Atemzüge, welche ihr stoßweise entwichen.
Der rechte Oberschenkel war schlimmer. Syrena stützte sich am Waschbecken ab, Schweiß trat auf ihre Stirn und ihr Kiefer verspannte sich, während die roten Fäden erneut unter ihre Haut drangen. Diesmal kam kein Laut, obwohl sie den Mund einem lautlosen Schrei öffnete und sich ihr Gesicht verzog. Erst als auch das zweite Projektil draußen war, sanken ihre Schultern kurz ab. Erneut stützte sie sich an die Wand im Bad und schloss für einen kurzen Moment die Augen, während sie sich in ihre eigene Wohnung wünschte. Danach desinfizierte sie beide Wunden und verband erst den linken Oberarm, dann den rechten Oberschenkel sauber und fest.
Als sie sich wieder aufrichtete, glänzten noch vereinzelte Schweißperlen an ihrer Stirn. Im Spiegel fiel ihr Blick auf ihr Kinn. Sofort war Antares’ Hand wieder präsent. Seine Finger, seine Unterstellung. Die Art, wie er ihre Wehrlosigkeit genutzt und ihre Reaktion auf Maisie als Schwäche gelesen hatte. Syrenas Mund wurde schmal. Nie wieder. Keine sichtbare Unsicherheit, keine Überforderung, die er gegen sie wenden konnte. Sie säuberte Waschbecken und Ablage, entfernte Blutreste und benutztes Material und warf das schmutzige Handtuch in den Wäschekorb. Keine Erinnerung an sie sollte hier zurückbleiben, genauso, wie sie dieses Ereignis für immer aus ihrem Kopf verbannen würde.
Noch bevor sie das Wohnzimmer erreichte, hörte Syrena Antares’ Stimme. Freundlich, leicht, warm. Beinahe verspielt. Als sie um die Ecke trat, saß er mit Maisie und einem Kartenspiel da. Emile lag bei ihr, ein Glas Wasser stand auf dem Tisch, und Maisie gluckste über irgendeinen Unsinn.
Syrena sagte nichts. Derselbe Mann, der ihr gerade noch ins Gesicht gepackt hatte, behandelte dieses Kind mit einer Geduld, die sie ihm nicht zugetraut hätte. Das machte ihn nicht sympathischer, es machte sein Verhalten ihr gegenüber nur persönlicher. Er konnte freundlich sein, bei ihr entschied er sich bewusst dagegen.
Und Maisies Lachen traf einen anderen Punkt in ihr. Vor wenigen Stunden war sie allein gewesen, hungrig und mit Menschen auf den Fersen, die sie wie eine Ware behandelten. Jetzt hatte sie eine Decke, Emile, Wasser, Karten und genug Sicherheit für ein kleines Lachen.
Dann erblickte Syrena die drei Nudelboxen. „Drei?“ Ihr Blick ging zu Maisie, dann zu Antares. „Hast du jemals zuvor ein Kind aus der Nähe gesehen?“ Ein süffisantes Lächeln folgte. „Oder hast du dich nur nicht getraut, mich zu fragen, ob ich auch etwas essen möchte?“
Maisie sah auf – und ihr ganzes Gesicht fing schier an zu leuchten. Einfach, weil Syrena wieder da war. Warum zur Hölle freute dieses Kind sich jedes Mal so, sie zu sehen? Die Wärme, die diese Reaktion in ihrer Brust auslöste, war fremd genug, dass Syrena sie am liebsten sofort zerlegt und entsorgt hätte.
„Du musst mir beim Essen helfen.“ Maisie hielt ihr die übrigen Essstäbchen hin. Syrena sah auf die Stäbchen, dann auf das Mädchen. Bereits beim Näherkommen wurde ihre Magie wieder schwächer. Gerade erst hatte sie erlebt, wie erleichternd ihre Rückkehr gewesen war. Nun ging sie freiwillig dorthin zurück, wo sie wieder verloren ging und ihr Magen zog sich unwillkürlich zusammen. Unsinn! Das Kind hatte seit zwei Tagen nichts Vernünftiges gegessen. Jemand musste schließlich sicherstellen, dass sie überhaupt etwas davon hinunterbekam. Und Lexingtons Vorstellung einer Kinderportion lag offensichtlich irgendwo zwischen Großfamilie und Hungersnot.
Die Hexe seufzte, setzte sich neben Maisie und nahm die Stäbchen. Das Rot unter ihrer Haut verschwand gänzlich, doch sie versuchte es zu ignorieren. „Du musst das nicht alles schaffen.“ Ihr Blick ging erneut zu dem Hexer, dann wieder zu Maisie. „Offenbar hat jemand hier die Ernährung eines zwölfjährigen Mädchens mit der Versorgung einer Footballmannschaft verwechselt.“
Vor zwei Stunden hatte sie noch einen Mann mit einem Müllcontainer erschlagen. Jetzt saß sie in Antares Lexingtons Loft, teilte gebratene Nudeln mit einem zwölfjährigen Mädchen und half ihm mit den Essstäbchen. Die ganze Szene war ihr auf eine schwer erklärbare Weise unangenehm und völlig absurd. Der Hexer rückte erneut in ihren Fokus. Zwei Stäbchen. Praktisch, eines für jedes Auge. Wenn ihre Magie hier nur funktionieren würde…
Die Hexe nahm ein paar Bissen aus der dritten Box, die sie für sich wie selbstverständlich öffnete und dabei den Hexer vollkommen ignorierte. Sie kaute bedächtig, die Nahrung tat nach ihrer Selbstoperation gerad verdammt gut.
Nach ein paar Bissen sah Syrena zu Maisie. So alltäglich das hier gerade wirkte, konnten sie den eigentlichen Grund ihrer Anwesenheit nicht ewig verschieben. „Wir sollten dir erklären, warum wir dich überhaupt mitgenommen haben.“ Ihre Stimme nahm automatisch jenen sachlichen Ton an, den sie sonst für unangenehme Vertragsklauseln benutzte. „Die Männer, denen wir heute begegnet sind, arbeiten für jemanden namens Gideon Ashcroft. Er sucht nach dir.“
Maisies Finger schlossen sich fester um die Box und ihre Augen wurden wieder größer. „Warum?“
Syrena atmete durch die Nase aus. Kindgerecht… wie zum Teufel machte man das?! „Wegen etwas, das du kannst. Etwas Magischem.“
Das Mädchen schüttelte energisch den Kopf und zog die Brauen zusammen. „Aber ich kann doch gar nicht zaubern, das gibt es doch nur im Märchen“, antwortete sie mit halbvollem Mund. „Nein, nicht nur im Märchen. Und du zauberst auch nicht, wie du vermutlich denkst.“ Syrena legte die Stäbchen kurz auf den Rand der Box und faltete ihre Hände ineinander, die Ellenbogen auf dem Tisch abgestützt, als wenn sie gerade begann eine Verhandlung zu führen. Ihr Gesicht war gerade mindestens genauso angestrengt.
„Wenn du in unserer Nähe bist, funktioniert unsere Magie nicht richtig. Je näher du bist, desto stärker wird es. Ashcroft weiß offenbar davon.“ Sie hielt den Blick der kleinen dabei um ihr zu verdeutlichen, dass sie es verdammt ernst meinte, vielleicht etwas zu fixierend, zu streng. „Wir wissen noch nicht genau, was er mit deiner Fähigkeit vorhat. Nur, dass Leute bereit sind, dich deswegen zu suchen und mit Gewalt mitzunehmen.“ Die machte eine kurze Pause, als sie registrierte, dass das Mädchen auf seinem Stuhl deutlich kleiner geworden zu sein schien. „Deshalb bleibst du vorerst hier. In Sicherheit.“ Dann sah Syrena zu Antares. Nicht freundlich, nicht versöhnlich – aber eindeutig genug, um ihm den Rest zu überlassen du ihm klar zu machen, dass die Sicherheit hier eine grundlegende Erwartung von ihr war.

