19.09.2026, 20:53
Wie absurd war bitte sein Vergleich zwischen seiner Empathiemagie und dem Niederprügeln eines Kindes?! Gab es einen größeren Beweis für sein Schwarz-Weiß-Denken? Nicht, dass sie selbst darin völlig talentfrei gewesen wäre… Doch es ging hier gerade nicht um sie, sondern um diesen völlig doppelmoralischen Kater. „Beeindruckend. Zwischen subtiler Gefühlsmanipulation und Körperverletzung existiert in deinem Kopf tatsächlich nichts.“ Ein leises, beinahe nasales Lachen entwich Syrena. „Und da behauptest du, ich hätte Probleme mit Nuancen.“
Natürlich wusste sie, dass sein Griff nach Maisies Angst nicht dasselbe gewesen war wie ein jahrelanger Fluch oder körperliche Gewalt. Genau deshalb ging ihr seine Reaktion auf die Nerven. Antares hatte ihr eben noch eine Moralpredigt darüber gehalten, wie es sich anfühlte, wenn jemand mit Magie über einen bestimmte, und kaum passte es in seine Vorstellung von Hilfe, wurde der Grundsatz plötzlich erstaunlich dehnbar.
Maisies Einfluss hatte inzwischen sämtliche Magie im Raum erstickt. Neu war etwas anderes: Antares’ Reaktion darauf. Es war kaum mehr als ein unmerkliches Aufrichten, als hätte jemand eine Last von Antares’ Schultern genommen, die für ihn längst zum Normalzustand geworden war. Syrena betrachtete ihn eine Spur länger, als ihr lieb war. So also sah er aus, wenn ihr Fluch schwieg. Vier Jahre. Zum ersten Mal bekam diese Zeitspanne etwas Körperliches. Nicht genug für Bedauern oder gar eine Entschuldigung, aber genug, dass sie einen kurzen Augenblick innehielt. Dann richtete er sich noch ein wenig freier auf und Syrenas Mundwinkel verzog sich. Er musste ja nicht gleich aussehen, als hätte man ihm eine lebenslange Haftstrafe erlassen. Das könnte ihm so passen!
Viel interessanter war ohnehin Maisie. Eine Zwölfjährige, die bereits unbewusst aktive Magie dämpfte, Artefakte ausschaltete und sogar einen Fluch zum Verstummen brachte, war für jemanden wie Ashcroft unbezahlbar. Syrena sah sie an und zum ersten Mal ergab dieses widerwärtige Wort Potential in seiner ganzen Tragweite Sinn. Wenn Maisie irgendwann lernte, diese Fähigkeit bewusst einzusetzen, könnte sie Schutzzauber brechen, Hexen entwaffnen, magische Gefängnisse neutralisieren und Dinge lahmlegen, deren Existenz sie selbst noch gar nicht verstand. Eine wandelnde Waffe gegen Magie. Genau deshalb würde Ashcroft nicht aufgeben.
Antares’ anschließender Sarkasmus über ein angebliches „Eltern des Monats“-Magazin holte sie mit ihren Gedanken zurück. Die Hexe sah ihn kühl an. „Du kannst Sarkasmus noch so dick auftragen. Er ersetzt trotzdem keine Fakten.“ Zwei Tage allein, kein Essen, keine Nachricht – das war schlimm genug. Aber sie würde nicht aus bloßer Wut eine Vermutung zur Wahrheit erklären.
Dass Antares sie danach ansah, als hätte er gerade ein Naturwunder beobachtet, entging ihr ebenfalls nicht. Syrena wusste genau, worauf dieser Blick zielte: Auf Maisies Umarmung, ihr völliges Einfrieren und dieses absurde hilflose Blinzeln. Ihre Augen verengten sich. „Ein einziges Wort, Lexington.“ Mehr musste sie nicht sagen.
Als er daraufhin mit einem übertriebenen „Ihr Wunsch ist mir Befehl“ den Diener spielte, hob Syrena das Kinn. „Gewöhn dich schon mal daran.“ Dass er Maisie im nächsten Atemzug ausgerechnet mit ihrer „neuen Freundin“ losschickte, brachte ihm erst einen Blick und dann ein langsames Augenrollen ein. Maisie sah allerdings bereits hilfesuchend zu ihr. Wunderbar! Jetzt hatte sie offenbar jemanden adoptiert, ohne gefragt worden zu sein.
Syrena folgte Maisie in das kleine Zimmer und stand dort zunächst ausgesprochen nutzlos zwischen Dingen, die eindeutig einem zwölfjährigen Mädchen gehörten. Was packte man ein, wenn niemand wusste, wie lange man fortblieb? Also organisierte sie, vollkommen nüchtern und ohne eine Gefühlsregung in ihrem Gesicht. „Kleidung, Zahnbürste. Medikamente, falls du welche brauchst. Etwas, das dir wichtig ist.“ Während Maisie Sachen zusammensuchte, beobachtete Syrena sich beinahe von außen. Stellte sie hier gerade Fluchtgepäck für Kinder zusammen?!
Maisie zog schließlich ein altes, fleckiges und zerschlissenes Kuschel-Faultier hervor. Das Fell war stumpf, eine Naht am Arm notdürftig repariert. Das Ding sah aus, als hätte es mehr schlechte als gute Jahre erlebt. Maisie drückte es kurz an sich, dann zögerte sie. „Das brauche ich eigentlich nicht.“, murmelte sie. Syrena sah erst das Faultier, dann sie an – und seufzte. Und so emotional abgestumpft die Hexe auch war, so merkte sie, dass es Maisie etwas zu bedeuten schien. „Nimm es mit“, lautete daher ihr nüchternes Urteil. Nützlich und wichtig waren schließlich zwei vollkommen verschiedene Dinge.
Aus dem anderen Raum hörte sie Antares telefonieren. „Carlos? Hier ist Joshua.“ Syrenas Augenbraue hob sich augenblicklich und sie horchte noch einmal etwas bewusster. Joshua? Das war interessant…
Als Antares’ Ton sich plötzlich veränderte und aus seinem üblichen Sarkasmus eine gefährliche Schärfe wurde, hörte sie noch genauer hin. „Noch ein Wort und wir haben das letzte Mal Geschäfte miteinander gemacht.“ Geschäfte. Offenbar mixte der Kater nicht nur Cocktails, was? Wie konnte es auch anders sein? Innerlich lachte die Hexe schallend auf. Was genau trieb Antares Lexington eigentlich noch, wenn er gerade keine Drinks servierte oder sich auf vier Pfoten durch Hinterhöfe bewegte?
Wenig später hörte sie einen satten Motor. Draußen wartete ein dunkelblauer Shelby GT500, und Syrena blieb einen Moment davorstehen. Laut, eng, auffällig – praktisch das Gegenteil der geräumigen, diskreten Limousinen, die sie bevorzugte.
„Eleanor? Du gibst deinem Auto Frauennamen? Und das mit einer Rückbank, die den Namen kaum verdient?“ Ihr Blick wanderte zu Antares. Was hatte sie eigentlich anderes von ihm erwartet?
Maisie hielt währenddessen noch immer ihre Hand und klebte daran wie eine Klette. Syrenas erster Impuls war derselbe wie zuvor: Lösen! Abstand! Luft zum Atmen! Stattdessen ließ sie ihre Finger, wo sie waren, wenngleich es sie eine große Überwindung kostete. Maisie brauchte offenbar genau diese alberne Form von Sicherheit. Großartig. Jetzt hielt sie auch noch Händchen. Als sie Antares’ deutlich zu amüsiertes Schmunzeln bemerkte, drehte sie nur den Kopf. „Wehe...“
Im Wagen wurde es nicht besser. Maisie saß hinten, Antares am Steuer und Syrena musste ausgerechnet neben ihm auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Der Innenraum war eng genug, dass Maisies Nullfeld weiterhin wirkte. Keine Telekinese, keine Magie, nichts. Antares dagegen wirkte geradezu unerträglich entspannt. Zum ersten Mal seit vier Jahren fuhr er offenbar ohne den Druck ihres Fluches, während Syrena angeschossen, magielos und vollständig auf seine Fahrkünste angewiesen war. Ein Albtraum mit Ledersitzen.
Ihr Blick fiel irgendwann auf den Stein an seiner Kette. Er war fast weiß und normalerweise hatte sie die fremde Magie darin deutlich gespürt, jene Kraft, die ihm half, ihrem Fluch zu widerstehen. Jetzt schien auch sie beinahe verschwunden. Damit war zumindest klar, dass Maisies Einfluss nicht bei aktiven Zaubern endete, sondern auch gebundene Magie und Artefakte erfasste.
Antares fuhr schnell, aber nicht dumm. Die Umwege waren zu gezielt, die Spurwechsel zu bewusst, als dass es bloß um Spaß gegangen wäre. Er prüfte, ob ihnen jemand folgte. Syrena bemerkte es und hasste, dass sie schon wieder etwas anerkennen musste. Zu Syrenas Ärger lieferte seine Fahrweise ihr nicht einmal einen vernünftigen Anlass, ihn dafür zu verspotten. Warum konnte dieser Mann nicht wenigstens in einer einzigen Sache vollständig unbrauchbar sein?
Als der Shelby schließlich in eine Lagerhalle im Industriegebiet einbog und das Tor sich hinter ihnen schloss, sah Syrena sich langsam um. Beton, Stahl, abgeschirmte Zufahrt. „Natürlich besitzt du einen geheimen Unterschlupf in einer Lagerhalle für deine krummen Nebengeschäfte.“ Der seltsame Telefonanruf fiel ihr wieder ein. Sie schüttelte leicht den Kopf. „Warum überrascht mich das nicht einmal?“
Die Stahltreppe hinauf erwartete Syrena ein dunkles, schäbiges Loch. Stattdessen öffnete Antares die Tür zu einem erstaunlich geschmackvollen Loft. Backstein, dunkles Leder, Metall, große Fenster, eine vernünftige Küche. Syrena blieb kurz im Eingang stehen. Bei einer Frau in seinem Leben und dieser Wohnung hatte er immerhin ausnahmsweise mal Geschmack bewiesen.
Dann fiel ihr das Bild im Flur auf. GOOD PEOPLE. GOOD PLACES. Syrena las die Worte, sah zum Bild und anschließend zu Antares. „Ist das Satire?“ Sie wartete nicht einmal auf seine Antwort und ihr Gesichtsausdruck troff vor Zynismus. „Ich frage nur wegen des offensichtlichen Widerspruchs zwischen Einrichtung und Bewohner.“
Als Antares Maisie versicherte, sie sei hier sicher, wurde Syrena wieder ernst. „Wer weiß, dass das hier dir gehört?“ Ihr Blick wanderte bereits zu Fenstern und Eingang. Magische Schutzmaßnahmen konnten sie mit Maisie ohnehin vergessen. Entscheidend war, wie verborgen dieser Ort tatsächlich war.
Maisie hatte sich inzwischen auf das Sofa gesetzt, eine Decke um sich gezogen und das zerschlissene Faultier an die Brust gedrückt. Das Bild wirkte absurd friedlich. Syrena marschierte dagegen ohne jede Hemmung in Antares’ Küche und öffnete seinen Kühlschrank.
Sie lehnte sich leicht an die offene Tür und verlagerte ihr Gewicht auf ihr unverletztes Bein. Bier, Soßen, irgendetwas Undefinierbares in einem Einmachglas, was sie nicht weiter erforschen wollte. Sie starrte einen Moment hinein, bevor sie ihn mit Schwung wieder schloss. „Natürlich.“ Dann entdeckte sie einen Lieferflyer am Kühlschrank und zog ihn heraus. GOLDEN PAGODA – Chinese Kitchen & Delivery.
Sie hielt Antares den Zettel hin. „Ruf beim Golden Pagoda an. Bestell genug, dass sie tatsächlich satt wird.“ Es war ein Befehl, keine Bitte. Niemals, wirklich niemals würde sie ihn um etwas bitten! Ihr Blick glitt noch einmal demonstrativ in den Kühlschrank. „Hier drin findet sich jedenfalls nichts, was ich einem Kind freiwillig geben würde.“
Während Antares sich darum kümmern durfte, zog Syrena endlich ihre ruinierte Lederjacke aus. Der Anblick des zerschossenen, blutverschmierten Versace-Leders tat beinahe körperlich weh. Einen Moment strich ihr Blick über die beschädigte Stelle, fast wehmütig. Dann legte sie das gute Stück vollkommen selbstverständlich auf Antares’ Ledersofa. Keine Unterlage, keine Rücksicht. Wenn sein Sofa Blut abbekam, konnte er das als Kollateralschaden verbuchen. Und wenn er seine Wohnung für seine Geschäfte nutzte, vielleicht sogar von der Steuer absetzen.
Nachdem sie ihre Jacke ausgezogen hatte, konnte man zum ersten Mal erkennen, wie tief die Schusswunde an ihrem Arm war. Maisies Gesicht verzog sich schmerzhaft, als sie dies erblickte. „Tut… tut es sehr weh Syrena?“ In ihrer Stimme schwang große Besorgnis mit und sie drückte in tröstender Geste erneut ihr Kuscheltier an sich. Doch dann überlegte sie und hielt es ihr schließlich hin. „Du kannst ihn haben, Emile tröstet mich auch immer, wenn mir was weh tut.“
Die Hexe sah einige Zeit auf das Faultier, was sie freundlich lächelnd anschaute, als könnte es kein Wässerchen trüben. Die Sekunden kamen ihr dabei wie Minuten vor. Dann schluckte sie und blinzelte kurz. „Nein… nein danke.“ Ihre Stimme war merkwürdig brüchig, ihre Mimik wurde einen Tacken weicher. Verdammte Scheiße, was war das?! Sie räusperte sich so hart, dass es in ihrer Kehle schmerzte. Dann wurde ihr Gesicht wieder unbeweglich und sie zuckte mit den Schultern. „Kollateralschaden, sowas passiert.“ Die Mauer war beruhigend, oh wie beruhigend sie gerade wieder war.
Dann ging sie den Flur entlang, in dessen Richtung sie das Badezimmer vermutete und sah Antares nicht mehr an. „Ich brauche was zum Desinfizieren und Verbinden.“ Ihre Stimme war wieder sachlich. Unter Stoff und getrocknetem Blut steckten noch immer zwei Kugeln in ihr, und sobald sie weit genug von Maisie entfernt war, würde sie sich selbst darum kümmern. Antares musste sich bloß nicht einbilden, dass sie ihn dafür brauchte. Syrena sah sich kurz um, jedoch nur soweit, dass sie seine Schuhe auf dem Boden fixieren konnte. „Dein Bad ist wo?“
Natürlich wusste sie, dass sein Griff nach Maisies Angst nicht dasselbe gewesen war wie ein jahrelanger Fluch oder körperliche Gewalt. Genau deshalb ging ihr seine Reaktion auf die Nerven. Antares hatte ihr eben noch eine Moralpredigt darüber gehalten, wie es sich anfühlte, wenn jemand mit Magie über einen bestimmte, und kaum passte es in seine Vorstellung von Hilfe, wurde der Grundsatz plötzlich erstaunlich dehnbar.
Maisies Einfluss hatte inzwischen sämtliche Magie im Raum erstickt. Neu war etwas anderes: Antares’ Reaktion darauf. Es war kaum mehr als ein unmerkliches Aufrichten, als hätte jemand eine Last von Antares’ Schultern genommen, die für ihn längst zum Normalzustand geworden war. Syrena betrachtete ihn eine Spur länger, als ihr lieb war. So also sah er aus, wenn ihr Fluch schwieg. Vier Jahre. Zum ersten Mal bekam diese Zeitspanne etwas Körperliches. Nicht genug für Bedauern oder gar eine Entschuldigung, aber genug, dass sie einen kurzen Augenblick innehielt. Dann richtete er sich noch ein wenig freier auf und Syrenas Mundwinkel verzog sich. Er musste ja nicht gleich aussehen, als hätte man ihm eine lebenslange Haftstrafe erlassen. Das könnte ihm so passen!
Viel interessanter war ohnehin Maisie. Eine Zwölfjährige, die bereits unbewusst aktive Magie dämpfte, Artefakte ausschaltete und sogar einen Fluch zum Verstummen brachte, war für jemanden wie Ashcroft unbezahlbar. Syrena sah sie an und zum ersten Mal ergab dieses widerwärtige Wort Potential in seiner ganzen Tragweite Sinn. Wenn Maisie irgendwann lernte, diese Fähigkeit bewusst einzusetzen, könnte sie Schutzzauber brechen, Hexen entwaffnen, magische Gefängnisse neutralisieren und Dinge lahmlegen, deren Existenz sie selbst noch gar nicht verstand. Eine wandelnde Waffe gegen Magie. Genau deshalb würde Ashcroft nicht aufgeben.
Antares’ anschließender Sarkasmus über ein angebliches „Eltern des Monats“-Magazin holte sie mit ihren Gedanken zurück. Die Hexe sah ihn kühl an. „Du kannst Sarkasmus noch so dick auftragen. Er ersetzt trotzdem keine Fakten.“ Zwei Tage allein, kein Essen, keine Nachricht – das war schlimm genug. Aber sie würde nicht aus bloßer Wut eine Vermutung zur Wahrheit erklären.
Dass Antares sie danach ansah, als hätte er gerade ein Naturwunder beobachtet, entging ihr ebenfalls nicht. Syrena wusste genau, worauf dieser Blick zielte: Auf Maisies Umarmung, ihr völliges Einfrieren und dieses absurde hilflose Blinzeln. Ihre Augen verengten sich. „Ein einziges Wort, Lexington.“ Mehr musste sie nicht sagen.
Als er daraufhin mit einem übertriebenen „Ihr Wunsch ist mir Befehl“ den Diener spielte, hob Syrena das Kinn. „Gewöhn dich schon mal daran.“ Dass er Maisie im nächsten Atemzug ausgerechnet mit ihrer „neuen Freundin“ losschickte, brachte ihm erst einen Blick und dann ein langsames Augenrollen ein. Maisie sah allerdings bereits hilfesuchend zu ihr. Wunderbar! Jetzt hatte sie offenbar jemanden adoptiert, ohne gefragt worden zu sein.
Syrena folgte Maisie in das kleine Zimmer und stand dort zunächst ausgesprochen nutzlos zwischen Dingen, die eindeutig einem zwölfjährigen Mädchen gehörten. Was packte man ein, wenn niemand wusste, wie lange man fortblieb? Also organisierte sie, vollkommen nüchtern und ohne eine Gefühlsregung in ihrem Gesicht. „Kleidung, Zahnbürste. Medikamente, falls du welche brauchst. Etwas, das dir wichtig ist.“ Während Maisie Sachen zusammensuchte, beobachtete Syrena sich beinahe von außen. Stellte sie hier gerade Fluchtgepäck für Kinder zusammen?!
Maisie zog schließlich ein altes, fleckiges und zerschlissenes Kuschel-Faultier hervor. Das Fell war stumpf, eine Naht am Arm notdürftig repariert. Das Ding sah aus, als hätte es mehr schlechte als gute Jahre erlebt. Maisie drückte es kurz an sich, dann zögerte sie. „Das brauche ich eigentlich nicht.“, murmelte sie. Syrena sah erst das Faultier, dann sie an – und seufzte. Und so emotional abgestumpft die Hexe auch war, so merkte sie, dass es Maisie etwas zu bedeuten schien. „Nimm es mit“, lautete daher ihr nüchternes Urteil. Nützlich und wichtig waren schließlich zwei vollkommen verschiedene Dinge.
Aus dem anderen Raum hörte sie Antares telefonieren. „Carlos? Hier ist Joshua.“ Syrenas Augenbraue hob sich augenblicklich und sie horchte noch einmal etwas bewusster. Joshua? Das war interessant…
Als Antares’ Ton sich plötzlich veränderte und aus seinem üblichen Sarkasmus eine gefährliche Schärfe wurde, hörte sie noch genauer hin. „Noch ein Wort und wir haben das letzte Mal Geschäfte miteinander gemacht.“ Geschäfte. Offenbar mixte der Kater nicht nur Cocktails, was? Wie konnte es auch anders sein? Innerlich lachte die Hexe schallend auf. Was genau trieb Antares Lexington eigentlich noch, wenn er gerade keine Drinks servierte oder sich auf vier Pfoten durch Hinterhöfe bewegte?
Wenig später hörte sie einen satten Motor. Draußen wartete ein dunkelblauer Shelby GT500, und Syrena blieb einen Moment davorstehen. Laut, eng, auffällig – praktisch das Gegenteil der geräumigen, diskreten Limousinen, die sie bevorzugte.
„Eleanor? Du gibst deinem Auto Frauennamen? Und das mit einer Rückbank, die den Namen kaum verdient?“ Ihr Blick wanderte zu Antares. Was hatte sie eigentlich anderes von ihm erwartet?
Maisie hielt währenddessen noch immer ihre Hand und klebte daran wie eine Klette. Syrenas erster Impuls war derselbe wie zuvor: Lösen! Abstand! Luft zum Atmen! Stattdessen ließ sie ihre Finger, wo sie waren, wenngleich es sie eine große Überwindung kostete. Maisie brauchte offenbar genau diese alberne Form von Sicherheit. Großartig. Jetzt hielt sie auch noch Händchen. Als sie Antares’ deutlich zu amüsiertes Schmunzeln bemerkte, drehte sie nur den Kopf. „Wehe...“
Im Wagen wurde es nicht besser. Maisie saß hinten, Antares am Steuer und Syrena musste ausgerechnet neben ihm auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Der Innenraum war eng genug, dass Maisies Nullfeld weiterhin wirkte. Keine Telekinese, keine Magie, nichts. Antares dagegen wirkte geradezu unerträglich entspannt. Zum ersten Mal seit vier Jahren fuhr er offenbar ohne den Druck ihres Fluches, während Syrena angeschossen, magielos und vollständig auf seine Fahrkünste angewiesen war. Ein Albtraum mit Ledersitzen.
Ihr Blick fiel irgendwann auf den Stein an seiner Kette. Er war fast weiß und normalerweise hatte sie die fremde Magie darin deutlich gespürt, jene Kraft, die ihm half, ihrem Fluch zu widerstehen. Jetzt schien auch sie beinahe verschwunden. Damit war zumindest klar, dass Maisies Einfluss nicht bei aktiven Zaubern endete, sondern auch gebundene Magie und Artefakte erfasste.
Antares fuhr schnell, aber nicht dumm. Die Umwege waren zu gezielt, die Spurwechsel zu bewusst, als dass es bloß um Spaß gegangen wäre. Er prüfte, ob ihnen jemand folgte. Syrena bemerkte es und hasste, dass sie schon wieder etwas anerkennen musste. Zu Syrenas Ärger lieferte seine Fahrweise ihr nicht einmal einen vernünftigen Anlass, ihn dafür zu verspotten. Warum konnte dieser Mann nicht wenigstens in einer einzigen Sache vollständig unbrauchbar sein?
Als der Shelby schließlich in eine Lagerhalle im Industriegebiet einbog und das Tor sich hinter ihnen schloss, sah Syrena sich langsam um. Beton, Stahl, abgeschirmte Zufahrt. „Natürlich besitzt du einen geheimen Unterschlupf in einer Lagerhalle für deine krummen Nebengeschäfte.“ Der seltsame Telefonanruf fiel ihr wieder ein. Sie schüttelte leicht den Kopf. „Warum überrascht mich das nicht einmal?“
Die Stahltreppe hinauf erwartete Syrena ein dunkles, schäbiges Loch. Stattdessen öffnete Antares die Tür zu einem erstaunlich geschmackvollen Loft. Backstein, dunkles Leder, Metall, große Fenster, eine vernünftige Küche. Syrena blieb kurz im Eingang stehen. Bei einer Frau in seinem Leben und dieser Wohnung hatte er immerhin ausnahmsweise mal Geschmack bewiesen.
Dann fiel ihr das Bild im Flur auf. GOOD PEOPLE. GOOD PLACES. Syrena las die Worte, sah zum Bild und anschließend zu Antares. „Ist das Satire?“ Sie wartete nicht einmal auf seine Antwort und ihr Gesichtsausdruck troff vor Zynismus. „Ich frage nur wegen des offensichtlichen Widerspruchs zwischen Einrichtung und Bewohner.“
Als Antares Maisie versicherte, sie sei hier sicher, wurde Syrena wieder ernst. „Wer weiß, dass das hier dir gehört?“ Ihr Blick wanderte bereits zu Fenstern und Eingang. Magische Schutzmaßnahmen konnten sie mit Maisie ohnehin vergessen. Entscheidend war, wie verborgen dieser Ort tatsächlich war.
Maisie hatte sich inzwischen auf das Sofa gesetzt, eine Decke um sich gezogen und das zerschlissene Faultier an die Brust gedrückt. Das Bild wirkte absurd friedlich. Syrena marschierte dagegen ohne jede Hemmung in Antares’ Küche und öffnete seinen Kühlschrank.
Sie lehnte sich leicht an die offene Tür und verlagerte ihr Gewicht auf ihr unverletztes Bein. Bier, Soßen, irgendetwas Undefinierbares in einem Einmachglas, was sie nicht weiter erforschen wollte. Sie starrte einen Moment hinein, bevor sie ihn mit Schwung wieder schloss. „Natürlich.“ Dann entdeckte sie einen Lieferflyer am Kühlschrank und zog ihn heraus. GOLDEN PAGODA – Chinese Kitchen & Delivery.
Sie hielt Antares den Zettel hin. „Ruf beim Golden Pagoda an. Bestell genug, dass sie tatsächlich satt wird.“ Es war ein Befehl, keine Bitte. Niemals, wirklich niemals würde sie ihn um etwas bitten! Ihr Blick glitt noch einmal demonstrativ in den Kühlschrank. „Hier drin findet sich jedenfalls nichts, was ich einem Kind freiwillig geben würde.“
Während Antares sich darum kümmern durfte, zog Syrena endlich ihre ruinierte Lederjacke aus. Der Anblick des zerschossenen, blutverschmierten Versace-Leders tat beinahe körperlich weh. Einen Moment strich ihr Blick über die beschädigte Stelle, fast wehmütig. Dann legte sie das gute Stück vollkommen selbstverständlich auf Antares’ Ledersofa. Keine Unterlage, keine Rücksicht. Wenn sein Sofa Blut abbekam, konnte er das als Kollateralschaden verbuchen. Und wenn er seine Wohnung für seine Geschäfte nutzte, vielleicht sogar von der Steuer absetzen.
Nachdem sie ihre Jacke ausgezogen hatte, konnte man zum ersten Mal erkennen, wie tief die Schusswunde an ihrem Arm war. Maisies Gesicht verzog sich schmerzhaft, als sie dies erblickte. „Tut… tut es sehr weh Syrena?“ In ihrer Stimme schwang große Besorgnis mit und sie drückte in tröstender Geste erneut ihr Kuscheltier an sich. Doch dann überlegte sie und hielt es ihr schließlich hin. „Du kannst ihn haben, Emile tröstet mich auch immer, wenn mir was weh tut.“
Die Hexe sah einige Zeit auf das Faultier, was sie freundlich lächelnd anschaute, als könnte es kein Wässerchen trüben. Die Sekunden kamen ihr dabei wie Minuten vor. Dann schluckte sie und blinzelte kurz. „Nein… nein danke.“ Ihre Stimme war merkwürdig brüchig, ihre Mimik wurde einen Tacken weicher. Verdammte Scheiße, was war das?! Sie räusperte sich so hart, dass es in ihrer Kehle schmerzte. Dann wurde ihr Gesicht wieder unbeweglich und sie zuckte mit den Schultern. „Kollateralschaden, sowas passiert.“ Die Mauer war beruhigend, oh wie beruhigend sie gerade wieder war.
Dann ging sie den Flur entlang, in dessen Richtung sie das Badezimmer vermutete und sah Antares nicht mehr an. „Ich brauche was zum Desinfizieren und Verbinden.“ Ihre Stimme war wieder sachlich. Unter Stoff und getrocknetem Blut steckten noch immer zwei Kugeln in ihr, und sobald sie weit genug von Maisie entfernt war, würde sie sich selbst darum kümmern. Antares musste sich bloß nicht einbilden, dass sie ihn dafür brauchte. Syrena sah sich kurz um, jedoch nur soweit, dass sie seine Schuhe auf dem Boden fixieren konnte. „Dein Bad ist wo?“

