Gestern, 19:07
Lilith ging nicht davon aus, dass Mammon ihre Haltung nachvollziehen konnte. So ähnlich sie sich in manchen Dingen waren, so grundverschieden waren sie in anderen, und das hier war ein Punkt, der sie definitiv sauber voneinander trennte. Selbstverständlich lehnte auch sie gute Unterhaltung niemals ab, sei es zum Zeitvertreib oder um auf andere Gedanken zu kommen. Zur Entspannung nach getaner Arbeit, um ihren Körper zu beruhigen… aber in einer Situation wie dieser, durch und durch geprägt von Angst, Sorge, Unsicherheit – Befürchtungen, die sie nie zuvor empfunden hatte und gegen die sie keinerlei Handlungsweisen entgegen setzen konnte… Mammon mochte jahrhundertelange Erfahrungswerte haben darin, seine Gefühle zu ignorieren und zu leugnen. Sie hatte das nicht. Sie drängten sich ihr auf, und so sehr sie womöglich auch wollte, Lilith konnte all die Gedanken und Empfindungen einfach nicht ausblenden. Auch nicht mit Unterhaltungen über Sex.
Außerdem tat sie sich schwer damit, genau zu äußern, warum sie so zögerte. Das lag vermutlich weniger daran, dass sie es nicht wusste – auch wenn ihre Gedanken chaotisch und unsortiert waren, die unliebsamen Emotionen hätte sie durchaus benennen können – als vielmehr wohl eher an Mammons Reaktion auf ihre Tränen kurz zuvor. Sie waren beide in einem Umfeld sozialisiert worden, in dem Gefühle dieser Art vor allem Schwäche bedeuteten. Und Schwäche zu zeigen resultierte in Vernichtung, auf die eine oder andere Art. Es gab immer jemanden, der nur darauf wartete, dass man angreifbar wurde, und dann…
Ihr Gedankenstrom wurde jäh unterbrochen, als Mammon stattdessen das Wort ergriff. Er äußerte Mutmaßungen, was sie stattdessen umtrieb, wenn sie sich nicht mit den schönen Dingen des Lebens beschäftigen wollte, um sich abzulenken.
“Wie lang du mit diesen beschissenen Schmerzen dich herumschlagen musst? Wie du diese beschissenen Gefühle wieder los wirst? Ob sie das Unmögliche schafft? Ob es überhaupt funktioniert, selbst wenn sie es schafft einen Engel zu finden, der dieses hohe Risiko eingehen würde?”
Ihre Reaktion war leicht verzögert – alles an ihrem Körper funktionierte ein wenig langsamer aktuell, aber wenn das der Preis dafür war, dass die Schmerzen nicht mehr ganz so sehr pulsierten, dann nahm Lilith das gerne in Kauf. Dennoch warf sie Mammon nun einen entsprechenden Blick zu, als er ziemlich genau auflistete, was sie alles beschäftigte, so als hätte er ihre Gedanken lesen können. Am Ende des Tages kannte er sie ebenso gut wie sie ihn… wahrscheinlich besser als irgendjemand sonst, einzig und allein aufgrund der Jahrhunderte, die sie schon miteinander verbracht hatten. Oder gegeneinander, je nachdem wie es gerade so lief.
„Alles davon, ehrlich gesagt“, entgegnete sie schließlich ein wenig verdutzt, während sie nach ihrem Glas griff, das Mammon eben erneut gefüllt hatte.
„Es ist nervig, wenn du so aufmerksam bist.“ Die Aussage passte gut ins Muster, dem ihr Umgang miteinander normalerweise folgte… aber der Biss in ihrer Stimme fehlte ungewöhnlicherweise komplett. Es war vielmehr Gewohnheit, eine Blaupause, auf die sie zurückfiel, weil es einfacher war als ein aufrichtiger Kommentar.
Sie nahm einen Schluck, ließ die Flüssigkeit ihre Kehle hinunterspülen, und atmete dann ein.
„Außerdem… mal die komplett abwegige Hypothese aufgestellt, dass sie es hinbekommt, jemanden findet, der bereit ist, Verrat zu begehen und Verbannung zu riskieren. Die nächste komplett abwegige Hypothese, dass wir es schaffen, die ganze Sache unentdeckt durchzuziehen, dass alles klappt, wie es soll und die Heilung funktioniert – getestet haben wir es nämlich noch nie, wir gehen nur beide davon aus, dass es funktionieren muss, weil es der einzige Weg ist. Aber ist dir tatsächlich ein Fall bekannt, in dem jemand unserer Natur durch weiße Magie geheilt und nicht vernichtet wurde? Es sind die fundamentalen Gesetze unserer Welt, und sie müssen gelten, aber kennst du wirklich einen Fall? – Und angenommen das alles läuft so wie geplant. Dann bleibt immer noch…“
Sie stockte kurz, ihr Blick verloren in der bernsteinfarbenen Flüssigkeit ihres Getränks. Es war der Alkohol, der ihre Zunge lockerte, er und die Opioide, die Mammon ihr auf Verlangen ausgehändigt hatte. Niemals würde sie sonst so mit ihm reden, niemals einfach alles zugeben, was sie besorgte und beschäftigte. Sie wusste es, wahrscheinlich wusste er es auch. Aber dennoch… nun waren sie hier. Sie konnte es nicht kontrollieren, selbst wenn sie gewollt hätte. Zu groß waren die Sorgen, zu schwer die Last, auch wenn die Schmerzen nicht mehr ganz so prägnant waren. Und Tan, die sie normalerweise aufgefangen hätte, in einer Situation wie dieser, war nicht da. Also nahm sie noch einen Schluck, ehe sie weitersprach.
„Was bin ich überhaupt noch, ohne meine Essenz? Alles, was mich ausmacht, hängt in einer verdammten Kette um seinen Hals. Alles was ich bin. Du weißt, was mit Menschen passiert, denen man die Seele entreißt, ohne sie zu töten. Sie sind Hüllen, noch primitiver als ihre Rasse ohnehin schon ist. Sie folgen den Gepflogenheiten, nach denen sie sozialisiert wurden, aber innerlich sind sie leer. Ich bin leer, und ich bin angreifbar, mein Körper funktioniert nicht, wie er soll und ich kann keinen einzigen klaren Gedanken fassen. Die Person, der ich mit meinem Leben vertraue ist weg und zu allem Übel ist der einzige Ort, an dem ich mich sicher fühle... bei dir.“
Vor allem das hatte sie nicht geplant zu sagen. Es war ein Thema, es zu denken, und vielleicht war es ihm auch schon klar gewesen, auf irgendeiner Ebene. Sonst hätte sie letzte Nacht, unter all diesen Schmerzen, wohl nicht nach ihm verlangt. Aber es zu sagen, laut, und in seiner Anwesenheit… das war eine komplett andere Sache. Lilith seufzte frustriert.
„Und offenbar kann ich meine Zunge nicht mehr kontrollieren“, murmelte sie noch halblaut, ehe sie einen weiteren, tiefen Schluck nahm.
Außerdem tat sie sich schwer damit, genau zu äußern, warum sie so zögerte. Das lag vermutlich weniger daran, dass sie es nicht wusste – auch wenn ihre Gedanken chaotisch und unsortiert waren, die unliebsamen Emotionen hätte sie durchaus benennen können – als vielmehr wohl eher an Mammons Reaktion auf ihre Tränen kurz zuvor. Sie waren beide in einem Umfeld sozialisiert worden, in dem Gefühle dieser Art vor allem Schwäche bedeuteten. Und Schwäche zu zeigen resultierte in Vernichtung, auf die eine oder andere Art. Es gab immer jemanden, der nur darauf wartete, dass man angreifbar wurde, und dann…
Ihr Gedankenstrom wurde jäh unterbrochen, als Mammon stattdessen das Wort ergriff. Er äußerte Mutmaßungen, was sie stattdessen umtrieb, wenn sie sich nicht mit den schönen Dingen des Lebens beschäftigen wollte, um sich abzulenken.
“Wie lang du mit diesen beschissenen Schmerzen dich herumschlagen musst? Wie du diese beschissenen Gefühle wieder los wirst? Ob sie das Unmögliche schafft? Ob es überhaupt funktioniert, selbst wenn sie es schafft einen Engel zu finden, der dieses hohe Risiko eingehen würde?”
Ihre Reaktion war leicht verzögert – alles an ihrem Körper funktionierte ein wenig langsamer aktuell, aber wenn das der Preis dafür war, dass die Schmerzen nicht mehr ganz so sehr pulsierten, dann nahm Lilith das gerne in Kauf. Dennoch warf sie Mammon nun einen entsprechenden Blick zu, als er ziemlich genau auflistete, was sie alles beschäftigte, so als hätte er ihre Gedanken lesen können. Am Ende des Tages kannte er sie ebenso gut wie sie ihn… wahrscheinlich besser als irgendjemand sonst, einzig und allein aufgrund der Jahrhunderte, die sie schon miteinander verbracht hatten. Oder gegeneinander, je nachdem wie es gerade so lief.
„Alles davon, ehrlich gesagt“, entgegnete sie schließlich ein wenig verdutzt, während sie nach ihrem Glas griff, das Mammon eben erneut gefüllt hatte.
„Es ist nervig, wenn du so aufmerksam bist.“ Die Aussage passte gut ins Muster, dem ihr Umgang miteinander normalerweise folgte… aber der Biss in ihrer Stimme fehlte ungewöhnlicherweise komplett. Es war vielmehr Gewohnheit, eine Blaupause, auf die sie zurückfiel, weil es einfacher war als ein aufrichtiger Kommentar.
Sie nahm einen Schluck, ließ die Flüssigkeit ihre Kehle hinunterspülen, und atmete dann ein.
„Außerdem… mal die komplett abwegige Hypothese aufgestellt, dass sie es hinbekommt, jemanden findet, der bereit ist, Verrat zu begehen und Verbannung zu riskieren. Die nächste komplett abwegige Hypothese, dass wir es schaffen, die ganze Sache unentdeckt durchzuziehen, dass alles klappt, wie es soll und die Heilung funktioniert – getestet haben wir es nämlich noch nie, wir gehen nur beide davon aus, dass es funktionieren muss, weil es der einzige Weg ist. Aber ist dir tatsächlich ein Fall bekannt, in dem jemand unserer Natur durch weiße Magie geheilt und nicht vernichtet wurde? Es sind die fundamentalen Gesetze unserer Welt, und sie müssen gelten, aber kennst du wirklich einen Fall? – Und angenommen das alles läuft so wie geplant. Dann bleibt immer noch…“
Sie stockte kurz, ihr Blick verloren in der bernsteinfarbenen Flüssigkeit ihres Getränks. Es war der Alkohol, der ihre Zunge lockerte, er und die Opioide, die Mammon ihr auf Verlangen ausgehändigt hatte. Niemals würde sie sonst so mit ihm reden, niemals einfach alles zugeben, was sie besorgte und beschäftigte. Sie wusste es, wahrscheinlich wusste er es auch. Aber dennoch… nun waren sie hier. Sie konnte es nicht kontrollieren, selbst wenn sie gewollt hätte. Zu groß waren die Sorgen, zu schwer die Last, auch wenn die Schmerzen nicht mehr ganz so prägnant waren. Und Tan, die sie normalerweise aufgefangen hätte, in einer Situation wie dieser, war nicht da. Also nahm sie noch einen Schluck, ehe sie weitersprach.
„Was bin ich überhaupt noch, ohne meine Essenz? Alles, was mich ausmacht, hängt in einer verdammten Kette um seinen Hals. Alles was ich bin. Du weißt, was mit Menschen passiert, denen man die Seele entreißt, ohne sie zu töten. Sie sind Hüllen, noch primitiver als ihre Rasse ohnehin schon ist. Sie folgen den Gepflogenheiten, nach denen sie sozialisiert wurden, aber innerlich sind sie leer. Ich bin leer, und ich bin angreifbar, mein Körper funktioniert nicht, wie er soll und ich kann keinen einzigen klaren Gedanken fassen. Die Person, der ich mit meinem Leben vertraue ist weg und zu allem Übel ist der einzige Ort, an dem ich mich sicher fühle... bei dir.“
Vor allem das hatte sie nicht geplant zu sagen. Es war ein Thema, es zu denken, und vielleicht war es ihm auch schon klar gewesen, auf irgendeiner Ebene. Sonst hätte sie letzte Nacht, unter all diesen Schmerzen, wohl nicht nach ihm verlangt. Aber es zu sagen, laut, und in seiner Anwesenheit… das war eine komplett andere Sache. Lilith seufzte frustriert.
„Und offenbar kann ich meine Zunge nicht mehr kontrollieren“, murmelte sie noch halblaut, ehe sie einen weiteren, tiefen Schluck nahm.

